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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Netzwelt > Rechenzentren vs Umwelt: Warum wir beides brauchen
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Rechenzentren vs Umwelt: Warum wir beides brauchen

Benjamin Lehmann
Zuletzt aktualisert 10. Juli 2026 09:47
Von Benjamin Lehmann
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7 min. Lesezeit
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💬 „Dein Argument“ greift Euren Input auf: Kommentare aus der BR24-Community sind Anlass für diesen Beitrag. 💬

InhaltsĂĽbersicht
„KI-Müll“ gegen sinnvolle AnwendungWer bekommt zuerst Strom?Brauchen wir die Rechenzentren überhaupt?Nicht ob, sondern wie

Deutschland und Europa fallen im KI-Rennen mit den USA und China immer weiter zurück. Manche Experten warnen schon, dass der Kontinent in den nächsten Jahren wirtschaftlich komplett von den KI-Mächten abhängig werden könnte. Aber um das zu ändern, reicht es nicht, eigene KI-Modelle und Apps zu entwickeln: Es braucht vor allem Rechenpower und Energie.

Denn Künstliche Intelligenz entsteht nicht im Vakuum. Sie braucht Strom – und zwar viel. Jede Anfrage an einen Chatbot, jede verarbeitete Anfrage landet am Ende in einem KI-Rechenzentrum – einer riesigen Halle voller Computer, die rund um die Uhr laufen.

Rund vier Prozent des deutschen Stromverbrauchs gehen heute auf das Konto der Rechenzentren, am gesamten Energieverbrauch sind es etwa ein Prozent. Ein gigantischer Verbraucher ist die Branche damit noch nicht. Aber sie wächst: Angetrieben erst von Videostreaming und Homeoffice, dann von den großen KI-Sprachmodellen wie ChatGPT oder Claude.

„KI-Müll“ gegen sinnvolle Anwendung

In der BR24-Community richtet sich der Ärger vor allem gegen eine bestimmte Art der Nutzung. Ein „Großteil geht für KI-Müll-Inhalte drauf wie mit KI generierte Kurzvideos auf YouTube, Tiktok, Instagram“, schreibt BR24-User „hamayer“ – ohne solche Inhalte bräuchte es viele Rechenzentren gar nicht erst. BR24-User „Norbert“ zieht daraus eine klare Forderung: „notwendige Energie (Krankenhäuser, Heizung, Haushalt etc.) billig bis kostenlos, Energie für unsinnige Freizeit-KI extrem teuer.“

So einleuchtend das klingt – die Rechnung hat einen Haken. Am Stromzähler eines Rechenzentrums lässt sich nicht ablesen, ob die Energie gerade in ein Meme-Video oder in eine medizinische Auswertung geflossen ist. Und der Löwenanteil der Rechenleistung entsteht ohnehin nicht durch verspielte Freizeit-KI. Wir alle treiben den Bedarf mit. „Jede Handynutzung, jedes Mal, wenn ich eine App nutze, da läuft im Hintergrund irgendein Server“, sagt Ralph Hintemann, Forscher am Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit, im Gespräch mit „Der KI-Podcast“ von BR24 und SWR. Ob Streaming-Dienst, Mediathek oder Behördengang im Netz – hinter fast allem stecken Rechenzentren. Und mit der KI kommt noch einmal deutlich mehr dazu.

Die KI-generierten Videos, die man auf Social Media sieht, werden zudem ohnehin kaum auf europäischen Rechenzentren hergestellt, sondern vor allem auf amerikanischen und chinesischen. Die Rechenzentren, die in Deutschland neu gebraucht werden, werden nicht für KI-Video-Apps gebraucht, sondern vor allem für KI-Anwendungen in Industrie und Mittelstand.

Wer bekommt zuerst Strom?

Eine Zweiklassengesellschaft beim Strom – dieses Bild treibt viele in der Community um. „Wollen wir wirklich die Unmengen an Energie, die KI verschlingt, dafür aufwenden, und wenn ja, wer kommt dafür auf?“, fragt BR24-User „KaterMurr“. BR24-User „Dangadad“ kommentiert: „Es muss geregelt sein, dass zuerst die Grundversorgung der Bevölkerung mit Energie gesichert sein muss, bevor ein Rechenzentrum gebaut wird.“

Gerade in den USA wird über dieses Thema oft hitzig diskutiert – wo noch weit mehr Rechenzentren gebaut werden, oft ohne aufwendige Umweltprüfung. Das kann dann unter Umständen auch den lokalen Strompreis in die Höhe treiben. Hier funktioniert das amerikanische System aber anders als das deutsche. „Unser Stromnetz ist sehr viel besser als das in den USA“, so Hintemann. Und bei uns gilt ein nationaler Strommarkt – der Großhandelspreis ist bundesweit derselbe, egal wie viele Rechenzentren in einer Region stehen.

Doch die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Marina Köhn, Informatikerin beim Umweltbundesamt, kritisiert, dass „der Bau der Rechenzentren sehr häufig renditeorientiert ist und weniger bedarfsorientiert“. Dass Energieanschlussleistungen für andere wichtige Gewerbe blockiert werden könnten, sei absolut möglich, warnt sie. Die Antwort darauf seien klare Regeln – bauen nach echtem Bedarf, hohe Effizienz und Transparenz. Gerade im Umweltbereich gehören die Regeln für Rechenzentren in Deutschland deshalb auch zu den strengsten der Welt.

Brauchen wir die Rechenzentren ĂĽberhaupt?

Brauchen wir diese Anlagen wirklich? An dieser Stelle sind sich die Fachleute weitgehend einig. “Wir dürfen gar nicht dagegen grundsätzlich sein, denn wir wollen alle Digitalisierung”, sagt Marina Köhn vom Umweltbundesamt. Ein Rechenzentrum, das gebraucht werde, solle auch gebaut werden. Auch Hintemann sieht keine Alternative: „Wir brauchen diese digitalen Infrastrukturen.“

Dahinter steckt auch ein handfestes Eigeninteresse. Deutsche Unternehmen wollen ihre Daten nicht in die USA oder nach China geben, sondern im Land behalten – dafür braucht es Rechenzentren vor Ort. Und was hierzulande entsteht, entsteht tendenziell sauberer: „Es ist besser, die stehen hier als sie verschmutzen woanders auf der Welt die Umwelt, wo sie nicht reguliert sind“, so Hintemann.

Vor allem aber geht es um den Anschluss im weltweiten KI-Rennen – und da liegt Deutschland weit zurück. Der Großteil der Rechenleistung steht in den USA und in China, Europa spielt bislang nur eine Nebenrolle. 2024 waren in den USA rund 48 Gigawatt Rechenzentrumsleistung installiert, in China etwa 38 Gigawatt – Deutschland käme selbst mit seinen Ausbauplänen bis 2030 nur auf etwa fünf Gigawatt. Wer da nicht mithält, könnte sich abhängig machen.

Auch die Politik hat das erkannt. Im März 2026 beschloss das Bundeskabinett die erste nationale Rechenzentrumsstrategie: Bis 2030 sollen die Kapazitäten mindestens verdoppelt, die KI-Rechenleistung sogar vervierfacht werden. „Deutschland braucht mehr Rechenpower“, so Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU).

Nicht ob, sondern wie

Am Ende läuft die Debatte weniger auf ein Ob hinaus als auf ein Wie. Dass Deutschland Rechenzentren braucht, bestreitet kaum jemand – die spannende Frage ist, wie viele wirklich nötig sind und unter welchen Bedingungen sie entstehen: effizient statt überdimensioniert, an Standorten mit genug Energie und Wasser, mit genutzter Abwärme und offengelegten Verbrauchszahlen.

 

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Von Benjamin Lehmann
Benjamin Lehmann schreibt fĂĽr das Ressort Netzwelt der WirtschaftsRundschau. Mit seinem Fachwissen in digitalen Technologien und Internetkultur informiert er ĂĽber aktuelle Trends und Innovationen und bietet den Lesern wertvolle Einblicke in die digitale Welt.
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