Herbert Blomstedt wird 99
Der Jahrhundertdirigent
Der Jahrhundertdirigent
Seine Bewegungen sind klein geworden, seine Ausstrahlung nicht. Herbert Blomstedt wird 99 Jahre alt und zeigt bis heute, dass große Dirigate vor allem aus Zuhören, Vertrauen und Klarheit entstehen.
Im Jahr 2019 war es. Herbert Blomstedt, Anfang 90, ist wieder einmal zu Gast beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Kurz vor Beginn der ersten Probe fragt ihn der Orchesterwart, ob er einen Stuhl haben möchte. „Danke, nein, das ist für alte Leute“, erwidert Blomstedt schalkhaft – und das Orchester lacht. Zu diesem Zeitpunkt waren es schon etwa 70 Jahre, die Blomstedt vor Orchestern gestanden hatte. Aufrecht, hager und groß gewachsen, bei kleineren Besetzungen gern ohne Podest, auf einer Ebene mit den Musikerinnen und Musikern. Die Bewegungen weit ausschwingend, sehr energisch, trotzdem einladend, offen, zugewandt. Gern auch mal ohne Stab, mit impulsiven Handkantenschlägen. Darauf angesprochen, lacht er: „Die meisten Dirigenten beginnen wie Windmühlen. Wenn sie älter werden, lernen sie, ihre Bewegungen zu reduzieren – und dadurch noch mehr Wirkung zu erreichen.“
Die meisten Dirigenten beginnen wie Windmühlen.
Dirigent Herbert Blomstedt
Dirigieren mit Blicken statt großer Gesten

Am 11. Juli 2026 wird Dirigent Herbert Blomstedt 99 Jahre alt. | Bildquelle: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt
Mittlerweile braucht Herbert Blomstedt auf der Bühne einen Rollator oder Rollstuhl. Doch noch immer hat er sein ausdrucksstarkes Mienenspiel, sein jungenhaftes Lächeln, das immer wieder aufleuchtet, wenn er sich über irgendetwas in der Musik ganz besonders freut. Und noch immer blitzen die Augen unter buschigen Brauen hinter der Brille. Blicke, erklärt Herbert Blomstedt, sind beim Dirigieren fast noch wichtiger als Gesten – und sagen mehr als 1000 Worte. „Deswegen lernen wir Dirigenten ja die Partituren auswendig – nicht, um die Welt mit Staunen zu schlagen, sondern damit wir die Musiker anschauen können.“ Wann immer er vor einem Orchester stehe, habe er den Gedanken: „Da sind 60 oder manchmal 100 Leute – wieviel Talent ist da vor mir versammelt, wieviel Liebe zur Musik!“
Herbert Blomstedt und das BRSO
Im Juli 2005 kam er zum ersten Mal als Gastdirigent zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Er dirigierte eine fantastische Symphonie Nr. 5 von Anton Bruckner. 78 Jahre alt war er damals. Schon in der ersten Probe sprach Blomstedt die Bläsersolisten mit Namen an. Er hatte sich vorher eingehend mit dem Orchester beschäftigt und sich die Namen eingeprägt. Vielleicht liegt hier das Geheimnis dieses Dirigenten: Für Herbert Blomstedt ist ein Orchester kein ausführendes Organ und erst recht kein anonymer Apparat. Jeder Einzelne fühlt sich von ihm als Partner ernst genommen.
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ARD Klassik
Beethoven · Symphonie Nr. 3 · Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks · Herbert Blomstedt · BR Klassik
Warum Orchester Herbert Blomstedt lieben
Deshalb wird Blomstedt nicht nur vom Publikum geliebt, sondern auch von den Orchestern. Etwa dem Gewandhausorchester, das er von 1998 bis 2005 leitete. Oder von den Bamberger Symphonikern, zu denen er als Ehrendirigent immer wieder zurückkehrt. Besonders gern mit Bruckner, dessen Musik er liebt und versteht wie kaum ein zweiter Dirigent.
1927 wurde Herbert Blomstedt in Amerika als Kind schwedischer Eltern geboren. Seine Mutter war Pianistin, sein Vater Prediger der 7-Tages-Adventisten. Blomstedt ist tief religiös. Und doch ist sein Bruckner frei von weihrauchgeschwängertem Mystizismus. Blomstedt liebt Klarheit und Natürlichkeit in der Musik, gerade auch bei Bruckner.
Wieviel Talent ist da vor mir versammelt, wieviel Liebe zur Musik!
Dirigent Herbert Blomstedt
Bruckner und Mozart: Das „redende Prinzip“

Dirigent Herbert Blomstedt bei Proben mit dem BRSO 2021. | Bildquelle: BRAstrid Ackermann
Dass Musik nicht zerfließen soll in einer dicken Klangsoße, sondern Gliederung braucht wie ein lebhaft gesprochener Satz, musste er nicht erst von der historischen Aufführungspraxis lernen. Kein Wunder, dass Blomstedt sich auf seine alten Tage auch zu einem fantastischen Mozart-Interpreten entwickelt hat. Er spricht vom „redenden Prinzip in der Musik“. Und wie das klingen soll, singt er gern vor. In Proben sowieso, aber auch in Konzerteinführungen. Mit lauter, klarer Stimme. Und freut sich dann diebisch, wenn das Publikum überrascht Szenenapplaus klatscht.
Wie Herbert Blomstedt Weltkarriere machte
Ursprünglich wollte Herbert Blomstedt Komponist werden. Sein musikalischer Horizont war von Anfang an weit. Blomstedt nahm an den berühmten Darmstädter Ferienkursen teil, bei denen sich in den 1950er Jahren die Avantgarde traf. Und er studierte bei Igor Markevitch in Salzburg und bei Leonard Bernstein in Tanglewood. Seine internationale Karriere begann in der DDR. Zehn Jahre lang leitete er ab 1975 die Sächsische Staatskapelle in Dresden, anschließend ebenso lange das San Francisco Symphony Orchestra.
Die späten Erfolgsjahre von Herbert Blomstedt
Das Erstaunlichste aber kam erst danach: Blomstedts fabelhafte Alterskarriere. Erst mit Mitte 70 erreichte er den Höhepunkt seines Ruhms. Und noch immer tritt er auf, fordernd und genau in den Proben, auch wenn der Radius der früher so weit ausschwingenden Bewegungen jetzt sehr klein geworden ist. Mit 96 Jahren erhielt er den Opus Klassik für sein Lebenswerk. Aktuell musste er gesundheitsbedingt mehrere Konzerte absagen. Doch der Tourkalender für nächstes Jahr, wenn er hundert wird, steht.
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ARD Klassik
Nielsen · Symphonie Nr. 5 · Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks · Herbert Blomstedt · BR Klassik
Ein Artikel von Bernhard Neuhoff.
Sendung: „Piazza“ am 11. Juli ab 9:05 Uhr auf BR-KLASSIK und im Podcast „Klassik aktuell“ in ARD Sounds

