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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Neue „Kinderoase“: Die wohl außergewöhnlichste Kita Münchens
Kultur

Neue „Kinderoase“: Die wohl außergewöhnlichste Kita Münchens

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 9. Juli 2026 15:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Wer die Gabelsbergerstraße entlangfährt, nimmt die Fassaden meist nur im Augenwinkel wahr. Zwischen Alt- und Nachkriegsbauten zieht nun jedoch ein Gebäude die Blicke auf sich: Eine Hülle aus rostroten Stahl-Lamellen faltet sich zur Straße, darüber ragt ein runder Holzaufbau wie eine Krone in den Himmel. Wo seit dem Zweiten Weltkrieg eine Baulücke offen blieb, steht heute die neue „Kinderoase“ der Technischen Universität München (TUM) – und mit ihr das erste dauerhaft realisierte Bauwerk des Architekten Francis Kéré in Europa.

Inhaltsübersicht
Architektur beginnt beim SpielenHolz als HaltungEin Haus mit gesellschaftlicher IdeeKéré: Ein Kreis schließt sichMehr als eine Kita

Architektur beginnt beim Spielen

Der Architekt Francis Kéré lehrt seit Jahren an der TUM und erhielt 2022 den renommierten Pritzker-Preis, der oft als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet wird.

Für Kéré ist die Kita weit mehr als ein funktionaler Zweckbau. Seine Architektur stellt dabei stets die Menschen und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt – so auch bei diesem Projekt. „Die zentrale Botschaft dieses Gebäudes ist: spielen. Nochmal spielen, toben, rennen, inspiriert werden“, sagt der Architekt bei der Schlüsselübergabe.

Diese Idee prägt den gesamten Entwurf. Statt langer Flure führt ein rundes Treppenhaus durch das fünfgeschossige Gebäude. Zwei hölzerne Rutschen verbinden die Ebenen, oben wartet die Dachterrasse mit der „Himmelswiese“. Kéré spricht von einem „vertikalen Spielraum“, der Kinder zum Entdecken einlädt.

Holz als Haltung

Mindestens genauso ungewöhnlich wie das Raumkonzept ist die Konstruktion. Bis auf das außenliegende Fluchttreppenhaus entstand das Gebäude nahezu vollständig aus Holz. Für einen fünfgeschossigen Bau mitten in München ist das ein bemerkenswertes Signal.

Kéré versteht das als Antwort auf die Herausforderungen des Bauens. „Heute, wo wir über Überhitzung, globale Erwärmung und Materialknappheit reden, ist es wichtig zu zeigen, was man mit Holz schaffen kann.“ Das nachwachsende Material sei nicht nur klimafreundlicher, sondern ermögliche auch neue Wege im urbanen Bauen. Ergänzt wird das Konzept durch natürliche Belüftung: Trotz sommerlicher Temperaturen bleibt das Gebäude angenehm kühl – ohne dass dieser Komfort allein durch Technik entsteht.

Ein Haus mit gesellschaftlicher Idee

Dass ausgerechnet eine Kindertagesstätte zum architektonischen Experiment wurde, ist kein Zufall. Finanziert wurde der Bau von der Unternehmerin und TUM-Ehrensenatorin Ingeborg Pohl, die das Gebäude der Universität schenkt.

Ihre Motivation ist gesellschaftspolitisch: „Wir brauchen gut ausgebildete Frauen, die Familie und Beruf vereinbaren können“, sagt Pohl. Die 60 Betreuungsplätze sollen Forschenden und Beschäftigten der Universität den Alltag erleichtern. Gleichzeitig wollte sie bewusst kein gewöhnliches Gebäude schaffen. „Es gibt so furchtbar hässliche Bauten“, sagt sie. Ihr Leitsatz: „Vermehrt Schönes.“

Kéré: Ein Kreis schließt sich

Für Francis Kéré ist das Projekt auch persönlich bedeutsam. Vor rund 40 Jahren kam er aus Burkina Faso nach Deutschland – seine erste Station war München. „Ich sprach damals kein einziges Wort Deutsch und erlebte zum ersten Mal Winterkälte“, erinnert er sich. Heute steht ausgerechnet hier sein erstes dauerhaftes Gebäude in Europa. „Für mich schließt sich ein Kreis.“

Diese biografische Ebene verbindet sich mit seinem Verständnis von Architektur: Gebäude sollen Menschen zusammenbringen, Neugier wecken und das Stadtbild bereichern. Gerade in einer Zeit, in der das Bauen wegen seines hohen Ressourcenverbrauchs unter Druck steht, setzt Kéré auf Optimismus. Architektur könne Teil der Lösung sein – wenn sie Innovation zulasse und den Mut habe, neue Wege zu gehen.

Mehr als eine Kita

Die „Kinderoase“ ist deshalb mehr als ein Ort für 60 Kinder. Sie schließt eine jahrzehntelange Lücke im Stadtbild, macht den Holzbau im urbanen Raum sichtbar und übersetzt Kérés Architekturverständnis in den Alltag. Das eigentliche Publikum werden bald Kinder sein, die durch das Treppenhaus rennen, die Rutschen hinuntersausen oder auf der Dachterrasse Tomaten wachsen sehen.

Vielleicht zeigt sich genau dann, ob gute Architektur ihr Ziel erreicht hat: wenn sie nicht bewundert werden muss, sondern ganz selbstverständlich Teil des Lebens wird.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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