Verpflichtende Testosteron-Tests für alle Soldaten ab 30 Jahren, auch für Frauen. Das hat US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, der sich seit einiger Zeit Kriegsminister nennt, angekündigt. Jährliche Screenings sollen sicherstellen, dass Truppen die „biologische Grundlage“ für den Einsatz haben, als Teil einer „heiligen Pflicht“, die „Kampfbereitschaft“ zu optimieren. Bei einem klinischen Mangel sollen Soldaten freiwillig eine Ersatztherapie erhalten. Das Ziel sei, so Hegseth, ein „High-T Department of War“.
„High-T-Military“: Verbindung zur Manosphere
Der Begriff „High-T“ stammt aus der sogenannten Manosphere. Diese Online-Subkultur propagiert traditionelle Männlichkeitsbilder und ist teils mit rechtsradikalen und antifeministischen Ideologien verbunden. Auf Plattformen wie 4chan verbreiten Anhänger die Idee, dass hohe Testosteronwerte mit Dominanz, Aggressivität und „natürlicher Führung“ korrelieren: ein Narrativ, das wissenschaftlich nicht haltbar ist.
Kritiker wie die US-Demokratin und Luftwaffen-Veteranin Chrissy Houlahan warnen deshalb vor einer Politisierung der Medizin: Die Tests seien weniger ein Gesundheitsprogramm als ein kultureller Kampf gegen Inklusion.
Ausschluss und Diskriminierung
Hegseths Initiative wird im Kontext seiner reaktionären Agenda gesehen: Seit Amtsantritt treibt er Veränderungen in seinem „Kriegsministerium“ an, das einen vermeintlich traditionell männlichen Kriegerethos im Militär schaffen soll. Unter seiner Führung wurden deshalb Fitness-Standards verschärft, Ausnahmen von der Rasurpflicht für Soldaten mit Hauterkrankungen gestrichen und transgeschlechtliche Personen vom Militärdienst ausgeschlossen. Erst kürzlich blockierte Hegseth laut einem Bericht der New York Times (externer Link, Bezahlinhalt) außerdem die Beförderung von schwarzen und weiblichen Marinesoldaten. Dieser Schritt wird als diskriminierend kritisiert.
Vorteile von Testosteron-Tests und -Ersatztherapie
Die Testpflicht hat laut Befürwortern aber einen medizinischen Nutzen: Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon. Es beeinflusst Libido, Knochenstoffwechsel, Muskelaufbau, Blutbildung und Herz-Kreislauf-System. Ein echter Mangel kann deshalb ernste Folgen haben, etwa Osteoporose, Blutarmut, reduzierte Muskelkraft oder Libidoverlust.
Ab einem Alter von 30 Jahren sinkt der Testosteronspiegel um etwa ein Prozent pro Jahr. Manche Männer können deshalb einen Mangel entwickeln, besonders im höheren Alter. Zwischen zwei und zwölf Prozent der Männer von 30 bis 59 Jahren weisen laut Studien einen Mangel auf, wobei nur weniger als ein Prozent als Folge tatsächlich Symptome entwickeln.
Befürworter argumentieren, dass viele Soldaten die bislang freiwilligen Testosteron-Tests nicht wahrnehmen, weil sie befürchten, bei zu niedrigen Werten nicht befördert zu werden. Allerdings gehen Forscher davon aus, dass Testosteronmangel von Bewegungsmangel und Übergewicht verstärkt wird. Diese Probleme haben aktive Soldaten seltener als der Durchschnittsamerikaner. Die tatsächliche Zahl an Betroffenen im US-Militär sollte daher unter dem gesellschaftlichen Mittel liegen.
Nebenwirkungen: Unfruchtbarkeit, Thrombosen, Herzinfarkt
Bei einzelnen Betroffenen könnte eine Testosteron-Ersatztherapie (TRT) die Leistungsfähigkeit tatsächlich steigern. Jedoch hat die Therapie auch einige Risiken: Studien zeigen, dass Testosterongaben den Blutdruck und die Bildung roter Blutkörperchen erhöhen können. Das kann zu Herzinfarkten und Thrombosen führen. Außerdem können Unfruchtbarkeit und ein höheres Risiko für Prostatakrebs Folgen sein.
Social-Media-Hype: Gefährliche Testosteron-Selbstoptimierung?
Der Fokus auf Testosteronwerte beschränkt sich nicht nur auf das US-Kriegsministerum: In sozialen Medien wird TRT häufig nicht als Therapie, sondern als Lifestyle-Booster beworben. Bekannte Influencer wie Joe Rogan und Andrew Huberman haben öffentlich über ihre Testosteron-Therapien gesprochen, wie auch der US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr.
Oftmals suggerieren sie, dass selbst Männer mit normalen Werten ihr „Optimum“ noch nicht erreicht hätten. Die Zielgruppe dieser Botschaften seien gesunde Menschen ohne Mangel, kritisiert Haiko Schlögl vom Universitätsklinikum Leipzig. „Die wollen eine noch stärkere Testosteronwirkung, ähnlich wie im Bodybuilding.“ Dabei würden Werte erreicht, die über das Normale weit hinausgehen.
In Deutschland warnte das Leibniz-Institut für Präventionsforschung (externer Link), dass der Verbrauch von Testosteron zwischen 2005 und 2023 um 415 Prozent gestiegen ist. Dieser Trend deutet auf Missbrauch hin. Die Autoren des Berichts schreiben, ein solcher Anstieg sei medizinisch „nicht plausibel“. Es liege der Verdacht nahe, „dass der starke Anstieg in Teilen auf einen nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch zurückzuführen sein könnte“. Auch Schlögl weist darauf hin, dass Erkrankungen, die eine Testosteron-Ersatztherapie erfordern, „sehr selten“ sind.

