Pilze können Enzyme, Säuren, Alkohol und Aromen herstellen, Materialien zerlegen, kommunizieren und kooperieren. Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften werden sie in der Medizin, in Lebensmitteln und Kosmetika sowie als Baumaterialien genutzt.
Relativ neu ist der Einsatz von Pilzen in der Elektronik. Myceliotronics wird das junge Forschungsfeld auch genannt. Pilzleiterplatten, Pilzbatterien und Pilzcomputer sind nachhaltig und recycelbar und könnten helfen, Elektroschrott zu vermeiden. Wie weit ist die Forschung und wie realistisch sind die Anwendungen derzeit?
Grundlage der Pilz-Elektronik: Hyphen und Myzel
Pilze bilden ein Geflecht aus feinen wurzelartigen Fäden, Hyphen oder Pilzfäden genannt. Alle Hyphen zusammen sind das Myzel, der Pilz. Was wir an der Oberfläche sehen, ist lediglich der Fruchtkörper, dicht verwachsene Pilz-Hyphen.
Pilz-Elektronik: Nachhaltige flexible Leiterplatinen aus Myzel
Platinen bestehen bislang aus kaum recycelbarem Epoxidharz-Kunststoff. Wissenschaftler der Universität Linz haben eine hauchdünne, biegbare, aber dennoch robuste Pilzleiterplatte (externer Link) entwickelt. Sie sieht aus wie Leder und besteht aus der verpressten Haut eines Baumpilzes: einer fest verwobenen, glatten Schicht aus Pilz-Myzel. Auf sie kann Elektronik gelötet werden. Andere Forschungsprojekte haben ähnliche Platinen entwickelt (externer Link).
Die Pilzleiterplatte ermöglicht nachhaltige, kompostierbare Alternativen für flexible Platinen, für Mikrochips in Skilift-Karten, Fitnessarmbändern oder Kleidung. Allerdings sind die herkömmlichen sogenannten NFC-Tags, die unter anderem massenweise aus China kommen, in ihrer Herstellung so billig, dass Pilzplatinen hier noch kaum mithalten können.
Myzel als nachwachsende, selbstheilende Pilzroboterhaut
Forschende der Technischen Hochschule Zürich entwickeln eine elastische, stabile Roboterhaut aus Pilzen, die nachwachsen kann: Auf einem Gitter, das Malzextrakt als Futter für die Pilze enthält, wachsen tausendfach Pilzfäden zu einer weißen Myzel-Matte, immer wieder. So könne sich die Haut des Roboters laut der Wissenschaftler „selbst heilen“. (externer Link, Bezahlschranke).
Biologisch abbaubare, ungiftige Pilzbatterie
Ein Forscherteam der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt der Schweiz (externer Link) hat eine komplett biologisch abbaubare Batterie aus Pilzen entwickelt. Sie ist klein, rund und wird mit einem 3D-Drucker hergestellt: Die Paste dafür enthält Futter und Sporen von zwei Pilzarten, die dann in der Batterie leben und sie betreiben – ganz ohne giftiges Lithium oder Blei. Pilze können nämlich auch Strom produzieren.
Pilze produzieren beim Fressen Strom
In der Anode der Batterie sitzt ein Hefepilz, der sich von Zucker ernährt und Elektronen produziert, in der Kathode ein Weißfäulepilz, der sie wieder einfängt. Eine lebende Batterie, die „wiederaufladbar“ sei, wenn man erneut füttere, bestätigt Forschungsleiter Prof. Gustav Nyström. Allerdings produziert die Pilzbatterie nur wenig Strom. Auch die Spannung ist gering. Herkömmliche Batterien wird sie nicht ersetzen können. Aber für Sensoren in der Landwirtschaft und in der Biomedizin, wenn wenig Strom und ungiftige Batterien benötigt werden, gelten Pilzbatterien als interessante Alternativen.
Pilze senden über Hyphen elektrische Impulse
Forscher haben bereits vor Jahrzehnten entdeckt, dass Pilze in ihren Hyphen-Strängen elektrische Impulse senden. Diese breiten sich wellenartig aus. Werden die Pilze gereizt, steigt die Frequenz. Hält man etwa eine Flamme an das Myzel eines Austernpilzes, der alle acht Minuten einen Impuls sendet, verdoppelt sich die Frequenz. Entfernt man die Flamme, verlangsamt sie sich wieder.
Myzel-Netzwerk: Schaltkreis für Pilzcomputer
Prof. Andrew Adamatzky ist Leiter und Gründer des „Unconventional Computing Laboratory“ in Bristol, England. Er vermutet, dass Myzel-Netzwerke die elektrischen Impulse nutzen (externer Link), um codierte Informationen weiterzuleiten, also wie eine Art Schaltkreis. Und dass man die elektrische Aktivität in Pilzen für eine Art Pilzcomputer nutzen könnte, einen einfachen Licht- oder Gewichtssensor beispielsweise. Nur sind die Pilzimpulse so langsam, dass selbst die ersten Computer millionenfach schneller wären als ein Pilzcomputer.
Die Pilz-Elektronik ist ein noch junges Forschungsfeld und die Idee eines Pilzcomputers noch Utopie. Andere Entwicklungen wie Pilzbatterie und Pilzplatine könnten jedoch bald zur Anwendung kommen.
Preisgekrönter Podcast: „Grüne Elektronik aus Pilzen“ in IQ in ARD Sounds
🎧 Mehr zur Pilz-Elektronik in „Grüne Elektronik aus Pilzen – Super-Material der Zukunft?“ im Podcast IQ – Wissenschaft und Forschung. Die Folge wurde im Juli 2026 mit dem UMSICHT-Wissenschaftspreis 2026 (externer Link) ausgezeichnet. IQ will neugierig machen – auf Kernfusion, Gentechnik, Weltall, Neuroforschung und Robotik – und erzählt anschaulich und spannend von der Forschung, die unsere Zukunft prägt.

