Wer, den neuen Blockbuster von Christopher Nolan „Die Odyssee“ besucht, wird schon nach den ersten Minuten im Kinosessel merken, es ist mal wieder alles anders. Kein Spoiler, deswegen nur so viel: Das so oft als heroische Schönheit dargestellte trojanische Pferd ist bei Nolan alles andere als heroisch. Umgeben von Wellen droht es langsam im Meersand zu versinken.
Es ist nur der Anfang des dreistündigen Kinoerlebnisses, doch diese Szene steht so sinnbildlich für die Karriere von Regisseur Christopher Nolan wie keine andere. Nicht etwa, weil diese im Sand zu versinken droht – in Hollywood gibt es gerade wohl kaum einen Regisseur, der so viel Narrenfreiheit genießt –, aber diese Szene hat Nolan schon seit über 20 Jahren im Kopf.
Nolan und die griechische Mythologie
Denn im Jahr 2003 soll Christopher Nolan ein anderes Werk Homers verfilmen, die „Ilias“, für den Film „Troja“. Er ist damals Mitte 30 und hat gerade erst durch seine erste Oscarnominierung für sein Drehbuch für „Memento“ auf sich aufmerksam gemacht. Und griechische Mythologie fasziniert ihn. Wie er selbst heute sagt, ist er immer auf der Suche nach einer „Lücke“, etwas das noch nie gemacht wurde. Und griechische Mythologie ist damals noch kein Teil des Blockbuster-Kinos. Schon damals plant Nolan das trojanische Pferd, so wie es noch nie dargestellt wurde.
Batman: Revolution für Gotham statt für Troja
Aber es kommt alles anders. Der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen, bekannt unter anderem für „Das Boot“, kriegt den Zuschlag für Troja. Die Warner Studios vertrauen Nolan eine andere Aufgabe als Trostpreis an. Er soll nichts anderes schaffen als das Batman-Franchise zu retten, nachdem der Film „Batman & Robin“ Ende der 90er für Unmut bei den Fans gesorgt hatte.
Eine Entscheidung, die zum Schlüsselmoment für Nolans Karriere wird. Für die Rolle des Jokers in „The Dark Knight“ möchte Nolan Heth Ledger, einen Schauspieler, der bis dahin als Hollywoods neuer Herzensbrecher aus „Casanova“, „10 Dinge, die ich an dir hasse“ oder „Brokeback Mountain“ bekannt war. Die Warner Studios, Nolans Bruder Jonathan, Co-Autor des Drehbuchs, und die Fans sind nicht überzeugt. „Der schlimmste Cast aller Zeiten“ heißt es zum Beispiel in den damaligen Filmforen.
Filme wie trojanische Pferde
Einen Herzensbrecher als Bösewicht verkaufen, das hat schon fast etwas von der trojanischen Pferd-Idee von Odysseus selbst. Und wie der griechische Held selbst lässt sich Nolan von den digitalen Sirenen dieser Welt und ihrem Shitstorm nicht vom Weg abbringen. Er castet Heath Ledger und die Dark-Knight-Trilogie revolutioniert das Superheldenkino. Düsterer, authentischer und viel näher an der realen Welt statt Slapstickdialogen und comichafter Action.
Und es wird nicht das einzige trojanische Pferd bleiben, dass Nolan seinem Publikum andrehen wird. „Inception“, ein Film über einen geplanten Goldraub, in dem sich die philosophischen Ansätze von Siegmund Freuds Traumdeutung verstecken. Oder „Interstellar“, auf den ersten Blick eine Weltraumreise, aber eigentlich ist es eine detaillierte Abhandlung über die String-Theorie und die Grenzen unserer Vorstellungskraft, wenn es um die Physik geht. Nach Batman scheint Nolan das uneingeschränkte Vertrauen für seine teilweise verrückten Ideen zu bekommen.
Die Rückkehr zu Homer
Nolan unterhält und setzt Denkanstöße. In seinen Blockbustern verstecken sich existenzielle Fragen seiner. Seine Fangemeinde, die er sich damit aufgebaut hat, ist riesig. Auf dem Filmplakat zu „Die Odyssee“ ist es nicht der namhafte Cast um Zendaya und Matt Damon sondern der Namen des Regisseurs selbst, der den zentralen Platz der Werbefläche einnimmt.
Über 20 Jahre nach dem geplatzten Troja-Projekt darf Christopher Nolan jetzt also endlich einen Stoff von Homer umsetzen. Nach Superhelden, Heistmovies und Weltraumfilmen folgt jetzt also die Revolution für Sandalenfilme? Zumindest mal für das trojanische Pferd. Er ist quasi am Ziel seiner eigenen filmischen Odyssee angekommen.

