Immer noch ist der Schulunterricht die wichtigste Quelle der Sexualaufklärung für Jugendliche, zeigen Daten der aktuellen Jugendsexualitätsstudie (externer Link) des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). 78 Prozent der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren geben demnach an, Wissen über Sexualität und Verhütung in der Schule erhalten zu haben.
Moderne Sexualerziehung in der Schule ist allerdings mehr als etwa nur die Vermittlung von Wissen über die Fortpflanzungsorgane, über Verhütung und über den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e.V.) – ein Dachverband für alle, die im Bereich Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin studieren oder tätig sind – hat in einer aktuellen Stellungnahme (externer Link) präzisiert, was einen modernen Sexualkundeunterricht ausmacht und warum er für Kinder und Jugendliche von großer Bedeutung ist.
Sexualbildung in Schule schützt vor sexueller Gewalt
Sexualbildung in der Schule habe mit Sicherheit einen wichtigen Präventionsaspekt vor sexualisierter Gewalt, betont Sonja Schaal, stellvertretende Leiterin des Instituts für Biologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und maßgebliche Autorin des jetzt veröffentlichten Fachpapiers. „Informierte und aufgeklärte Kinder und Jugendliche sind eher geschützte Kinder und Jugendliche“, so Schaal. Daneben sei aber auch die Vermittlung von fundierten Kenntnissen über Sexualität und den eigenen Körper wichtig, „um auch selbstbestimmte Entscheidungen hinsichtlich der eigenen Sexualität treffen zu können“, sagt die Wissenschaftlerin.
Sexualbildung zur Stärkung sexueller Selbstbestimmung
Während es früher im Sexualkundeunterricht im Wesentlichen um sexuelle Aufklärung und Verhütung ging, sollte an den Schulen heute deutlich mehr vermittelt werden, betont auch Moritz Krell, Vorsitzender der Fachsektion Didaktik des Biologie-Verbands (FDdB). Sexualbildung sei neben der früher schon vermittelten Sexualaufklärung und Sexualerziehung eine wichtige dritte Säule eines modernen Biologieunterrichts. Schülerinnen und Schüler sollten dadurch befähigt werden, „selbstbestimmt reflektierte Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität und Geschlechtsidentität zu treffen“, sagt Krell.
Moderner Biologieunterricht: Die Probleme in der Praxis
Die Umsetzung eines modernen Sexualkundeunterrichts ist in der Praxis aber nicht immer einfach. Insbesondere Lehrkräfte haben dort mit einigen Herausforderungen zu kämpfen. Mit Eltern etwa, die die Inhalte des Unterrichts nicht akzeptieren und nicht wollen, dass ihr Kind daran teilnimmt. Hier gehe es darum, die Lehrkräfte zu stärken, mit Eltern gemeinsam gut ins Gespräch zu kommen, erläutert Schaal. „Das ist mit Sicherheit im Moment noch eine Hürde, aber ich denke, eine bewältigbare“, so die Pädagogin.
Enge Auslegung des Sexualkundeunterrichts birgt Gefahren
Doch nicht nur manche Eltern sehen modernen Sexualkundeunterricht in der Schule kritisch. Die AfD etwa kritisiert die offene und zeitgemäße Vermittlung von Sexualbildung in Kitas und Schulen und warnt vor sogenannter „Frühsexualisierung“.
Bei einem rein traditionellen Verständnis von Sexualität und Geschlechteridentität bestehe allerdings die Gefahr, „dass die faktische Diversität, die wir in unserer Gesellschaft haben, nicht gesehen, nicht anerkannt und auch nicht akzeptiert wird“, sagt Moritz Krell von der FDdB. Das könne dazu führen, „dass Personen, die einem heteronormativen Ideal nicht entsprechen, sich selbst als abweichend von der Norm verstehen und identifizieren, was zu mentalen, psychologischen Problemen dieser Menschen führen kann.“ Menschen, die nicht dem „heteronormativen Ideal“ entsprechen, könnten so auch leichter Opfer von Ausgrenzung und Diskriminierung werden, erläutert Krell.
Forderung des Verbands: Mehr Ausbildung für Lehrkräfte in Sexualbildung
Damit moderne Sexualbildung im Schulunterricht auch umgesetzt werden kann, wünscht sich der Fachverband vor allem eine verlässliche Ausbildung für Lehrkräfte. Denn aktuell hänge Sexualbildung noch maßgeblich vom Engagement der Lehrkräfte ab, sagen die beiden Didaktiker.

