Es war ein Fernseh-Moment mit großem Fremdscham-Potential: Der Auftritt von Ikkimel Anfang Juli. Nicht etwa weil der Berliner Rapperin bei ihrer Performance irgendein Patzer unterlaufen wäre. Auch nicht, weil im Publikum jemand klamaukig gestolpert wäre.
Es war das ganze Setting, das einfach nicht zusammenpasste. Ikkimel und das ZDF-„Morgenmagazin“ verhielten sich zueinander wie zwei Fremdkörper. Während Ikkimel über Fußballmänner, „Lattenkracher“ und „Sucker“ rappte, starrten viele im Publikum bedröppelt vor sich hin. Gar so, als würden sie befürchten, bei der kleinsten Gesichtsregung von Ikkimel höchstpersönlich auf die Bühne gezerrt zu werden. Wobei das Publikum bei dem Auftritt ja ohnehin fast Teil der Bühne war, was das Unbehagen deutlich verschärft haben dürfte.
Deutsche Musiker haben es in den USA schwer
Die Reaktionen im Netz blieben nicht aus. Das Video ging in den sozialen Medien viral. Auch in den USA. Denn dort teilte die Rapperin Doechii, die in den USA vor allem durch den Ohrwurm „Anxiety“ bekannt und 2025 als beste Hip-Hop-Künstlerin ausgezeichnet wurde, einen Zusammenschnitt des Auftritts auf ihrem TikTok-Kanal. Und ihre sechs Millionen Follower erledigten dann den Rest. Das Publikum sei so langweilig, schrieb eine Nutzerin unter dem Post. Eine andere flehte, „Amerika braucht sie hier“.
Ob die Berliner Rapperin den sozial medialen Wirbel um ihren Auftritt dazu nutzen kann, um auch langfristig in den USA Fuß zu fassen, wird man sehen. Die Vereinigten Staaten sind für deutsche Künstler traditionell ein schweres Pflaster. Zu den bekanntesten und erfolgreichsten dürften Nena, die Scorpions, Milli Vanilli, Boney M., Kraftwerk oder Rammstein zählen. Aber die Liste wird länger. Denn seit einigen Wochen sorgt der Song „Gut Genug“ von Kitschkrieg, Blumengarten und Shirin David für Aufruhr.
BTS singen „Gut genug“
Man findet den Song zur musikalischen Untermalung in Instagram-Reels und in den Feeds amerikanischer Superstars. Lizzo, Doja Cat und Wiz Khalifa posteten Videos, unterlegt mit den deutschen Wörtern „Du bist gut genug“. Und auch die K-Pop-Superstars BTS haben zuletzt bei ihren Konzerten in München das Lied angestimmt.
Der „Gut genug“ beginnt mit gelegten Keyboard-Akkorden, darüber singt eine Stimme in Falsett-Tonlage, mit etwas Autotune in unterschiedlichen Variationen die Worte „Du bist gut genug.“ Später schleichen sich EDM-Beats unter die Akkorde und bereiten die Bühne für den Rap von Shirin David. Das Ganze ist sehr eingängig – mit großem Wiedererkennungswert und auch die Botschaft scheint zumindest im deutschsprachigen Raum einen Nerv zu treffen. Es geht um Selbstzweifel, um Akzeptanz, um das Gefühl, trotz aller Unsicherheiten ausreichend zu sein.
Musik funktioniert heute global und unvorhersehbar
Aber der Song verfängt auch, wenn man den Text nicht versteht. Das „Doobie Scoot Canoe“ wird zum Meme und schwappt aus den USA zurück nach Deutschland, wo es „Gut genug“ auf Platz Eins der Singlecharts schaffte. Und auch in den USA schlägt sich der Erfolg in den sozialen Medien auf die Verkaufszahlen nieder. „Gut genug“ steigt in den USA auf Platz 192 der Billboard-Charts ein, was der Plattenfirma Sony zufolge in diesem Jahrtausend noch keinem deutschsprachigen Song gelungen ist.
Ob der Wirbel um Ikkimel oder „Gut genug“ beständig und langfristig dazu führen werden, dass deutsche Popmusik in den USA mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist zwar schwer zu beurteilen. Beide Fälle machen jedoch deutlich, wie Musik heute funktioniert: global und unvorhersehbar. Wenn ein Song in den sozialen Medien verfängt, dann ist es egal, woher er kommt. Dann kann es plötzlich ganz, ganz schnell gehen.

