Der ehemalige VW-Chef Herbert Diess hat beim BR-Sonntags-Stammtisch den verbreiteten Pessimismus gegenüber der deutschen Wirtschaft kritisiert. „Diese Diskussion um die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, über den Niedergang Deutschlands, muss auch mal beendet werden. Je länger man sich das einredet, dass man keine Zukunft hat, dann wird das auch dahinführen“, so Diess. Deutschland müsse sich sowohl politisch als auch wirtschaftlich auf seine Stärken besinnen, notwendige Reformen entschlossen angehen und sich anschließend „aber auf das Gelingen konzentrieren“.
Dem Land sei die Freude am Erfolg verloren gegangen. „Wir haben überhaupt keinen Grund zum Pessimismus.“ Wer die Lage Deutschlands im internationalen Vergleich betrachte, erkenne, dass viele Wettbewerber mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert seien. Probleme wie die Überalterung der Gesellschaft seien keine rein deutschen, sondern globale Entwicklungen.
Krise der Autoindustrie: „Darf es nicht schönreden“
Auch mit Blick auf die Krise der Autoindustrie fordert Diess mehr Weitblick und Verhältnismäßigkeit: „Es gibt eine starke Innenorientierung. Natürlich sind diese Unternehmen, BMW, Daimler, VW tragende Säulen der deutschen Wirtschaft und extrem wichtig und die sind in einer schwierigen Verfassung.“
Die Ertragslage der Hersteller reiche derzeit nicht aus, um die notwendigen Investitionen langfristig zu finanzieren. Beispielhaft für die Situation der deutschen Autoindustrie ist die Lage von Volkswagen. Der Konzern steckt aktuell in der tiefsten Krise der Firmengeschichte. VW-Chef Oliver Blume präsentierte erst vor kurzem einen umfassenden und umstrittenen Sparplan, der Werksschließungen und den Abbau von bis zu 100.000 Stellen weltweit vorsieht.
Diess fordert starke Zusammenarbeit mit EU
Diess aber mahnt, die Krise der deutschen Autoindustrie nicht zu isoliert zu sehen: Auch chinesische Automobilhersteller stünden unter erheblichem Druck und kämpften ums Überleben. Der anhaltende Preiskampf belaste die gesamte Branche. „Man darf es nicht schönreden: Das ist schon eine wirkliche Krise der Autoindustrie“, so Diess am Sonntags-Stammtisch. Solange der Preiskampf in der aktuellen Intensität andauere, könne er keine Entwarnung geben.
Um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern, müsse Deutschland nach Ansicht von Diess auf eine enge Zusammenarbeit mit der Europäischen Union setzen. Hoffnung verbindet er dabei mit Bundeskanzler Friedrich Merz: „Wir haben endlich wieder einen Kanzler; der Europa mitdenkt, der in Europa Führung übernimmt.“

