Die Gründung beginnt eher unspektakulär. Drei TU-Studenten in München wollen ihr Wissen in einem Uni-Projekt ausprobieren. Dabei fällt ihnen auf, wie schwer sich Unternehmen damit tun, ihre eigenen Abläufe zu verstehen und zu verbessern. Reibungsverluste sind eher die Regel als die Ausnahme.
Ihre Idee: Anstatt umständlich Mitarbeiter zu befragen, analysieren die Drei digitale Spuren, die jeder Geschäftsprozess in Unternehmen hinterlässt. Daraus entsteht die erste Version der „Celonis“-Software und der Grundstein für die Erfolgsgeschichte.
Vom Lehrling zum Gründer
Bastian Nominacher ist Mitgründer von Celonis. Mindestens so außergewöhnlich wie die Firmengeschichte ist Nominachers eigener Lebensweg. Eigentlich hätte vieles dafür gesprochen, den Familienbetrieb weiterzuführen: Nominacher stammt aus einer Bäckerfamilie, bereits in fünfter Generation. Aber seine Leidenschaft gilt schon früh Computern. Nach der Mittleren Reife macht er deshalb eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann. Er holt das Abitur nach und studiert erst an einer Fachhochschule, später an der TU München.
Dass Ausbildung, zweiter Bildungsweg und Studium hierzulande kombiniert werden können, hält der erfolgreiche Gründer für eine große Stärke Deutschlands. Trotzdem wünscht er sich noch mehr Durchlässigkeit im deutschen Bildungssystem.
Geld auftreiben ist schwierig
Die Idee von Nominacher und seinen beiden Gründer-Kollegen ist gut, aber die Software kompliziert. Viele Investoren verstehen nicht wirklich, was Celonis genau macht und welches Potenzial darin steckt. Es gibt also erst mal kaum Geld, um schnell durchzustarten.
Nominacher erzählt, wie er und seine beiden Mitgründer sich in den ersten Jahren von Auftrag zu Auftrag hangeln müssen. Da werden auch mal ganze Nächte durchprogrammiert. Das eingenommene Geld wird sofort wieder reinvestiert. Man braucht vor allem Programmierer, um die Software zu verbessern. Und so geht es die ersten fünf Jahre eher langsam aufwärts. 2016 hat Celonis immerhin 100 Mitarbeiter.
Celonis wird erstes deutsches Decacorn
Der Durchbruch passiert 2018: Investoren bewerten die bayerische Firma plötzlich als Unicorn (Einhorn). Einhörner heißen jene Startups, die eine Milliarde oder mehr wert sind. Nur drei Jahre später ist die nächste Schwelle erreicht: Celonis wird zum Decacorn (externer Link), also mit über zehn Milliarden Euro bewertet. Das hat bislang noch kein deutsches Startup geschafft.
Heute, 15 Jahre nach der Gründung, beschäftigt Celonis rund 3.500 Mitarbeitende weltweit – „Celonauten“ nennt sie Bastian Nominacher. Er ist inzwischen Co-CEO gemeinsam mit Mitgründer Alexander Rinke und reist viel zwischen den beiden Hauptsitzen München und New York hin und her. Insgesamt hat die Firma jetzt rund zwanzig Niederlassungen in Europa, Amerika und Asien. Nominacher und seine beiden Mitgründer sind damit – zumindest auf dem Papier – Milliardäre.
Digitaler Röntgenblick für Unternehmen
Was genau macht Celonis? Selbst der Gründer weiß, dass diese Frage schwer zu beantworten ist. Sein einfachstes Bild lautet: Celonis ist ein digitales Röntgengerät für Unternehmen. Nahezu jeder Arbeitsschritt hinterlässt heutzutage Daten – vom Einkauf über die Produktion bis zum Kundenservice. Diese Informationen liegen jedoch meist verstreut in den unterschiedlichen IT-Ecken der Abteilungen und Niederlassungen.
Celonis verbindet sie miteinander und macht sichtbar, wo Prozesse stocken oder Zeit und Geld verloren gehen. Dadurch lassen sich laut Nominacher Fehlerquellen aufspüren oder Lieferketten optimieren und Produktionszeiten verbessern.
Werden Mitarbeiter ausspioniert?
Gleichzeitig legt die Software auch offen, wie Mitarbeiter etwa in den Produktionsprozess eingebunden sind. Arbeitszeiten, Pausen und auch das Arbeitspensum werden für die Unternehmensführung sichtbar und auswertbar.
Im Internet wird Celonis deshalb auf verschiedenen Plattformen auch als Tool für das Überwachen der Belegschaft kritisiert. Bei Celonis kennt man diesen Vorwurf und erwidert, man habe deshalb „Privacy by Design“-Funktionen integriert. „Sollten beispielsweise Benutzerinteraktionen auf dem Desktop analysiert werden, um Abläufe zu verbessern, sehen die Anwender, wann dies aktiv ist, und können es unterbrechen.“ Geheimes Ausspionieren wäre demnach zumindest nicht möglich.

