Noch vor wenigen Wochen schien die Zukunft des deutsch-französischen Rüstungskonzerns KNDS klar: Das Unternehmen sollte an die Börse gebracht werden. Diese Pläne scheiterten aber an der wackeligen Marktstimmung und an Kursverlusten wichtiger Rüstungsaktien. Offiziell sind die Börsenpläne nicht vom Tisch, das Unternehmen will möglicherweise im September einen neuen Anlauf wagen. Offensichtlich gibt es daran aber auch Zweifel. So berichtete das Handelsblatt in dieser Woche (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt) über Pläne in Berliner Regierungskreisen, KNDS notfalls für eine gewisse Zeit komplett zu verstaatlichen. Daran regt sich inzwischen massive Kritik.
Kritik an Verstaatlichungs-Spekulationen
Mehr Wettbewerb, weniger Staat. Das müsse eigentlich das Ziel für eine schlagkräftige Verteidigungsindustrie in Europa sein, sagten zum Beispiel zwei hochrangige Berliner Sicherheitspolitiker dem BR. Eine Komplettverstaatlichung von KNDS stehe diesem Ziel entgegen und sei deshalb eine schlechte Idee. Damit stimmen sie mit Tom Enders, dem Vorsitzenden des KNDS-Verwaltungsrates, überein.
Dieser hatte Überlegungen über eine Verstaatlichung des deutschen KNDS-Anteils eine kategorische Absage erteilt: „Es gibt keine Diskussionen über eine komplette Verstaatlichung von KNDS, und es gibt auch absolut keinen Grund dafür“, sagte Enders der Nachrichtenagentur Reuters. Schon in seiner früheren Rolle als Airbus-Chef hatte er dafür gekämpft, den staatlichen Einfluss auf Europas größten Luft- und Raumfahrtkonzern so klein wie möglich zu halten.
Komplexe Eigentümerstruktur
KNDS entstand 2015 aus der Fusion zweier sehr unterschiedlich strukturierter Unternehmen. Damals schlossen sich der französische Staatskonzern Nexter und das Münchener Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann (KMW) zusammen. Hinter KMW stand eine deutsche Familienholding. Bis heute sind die Anteile an dem fusionierten Unternehmen gleichberechtigt verteilt. 50 Prozent liegen weiterhin bei der deutschen Eigentümerfamilie, während die anderen 50 Prozent an KNDS im Besitz einer französischen Staatsholding sind.
Börsengang im ersten Anlauf gescheitert
Im Zuge eines Börsengangs sollten die Karten neu gemischt werden, da die Eigentümerfamilie den Ausstieg sucht. Nach langen Verhandlungen sollte die Bundesrepublik einen 40-prozentigen Anteil übernehmen, während Frankreich seinen Anteil auf ebenfalls 40 Prozent reduzieren würde. Die übrigen 20 Prozent sollten auf den Markt kommen. Eine mögliche Komplettverstaatlichung würde diese angestrebte Struktur über den Haufen werfen.
Hintergrund der Spekulationen ist die Frage, ob ein angepeilter KNDS-Börsengang im September gelingt. Der erste Versuch war vor wenigen Wochen gescheitert. Dem Vernehmen nach war der Finanzmarkt nicht bereit, die von den bisherigen Anteilseignern geforderten Preise zu zahlen. Nun soll es einen zweiten Anlauf zur Börsennotierung geben. Dieser habe unmittelbare Priorität, so Verwaltungsratschef Tom Enders. Ob und wie schnell dies klappen kann, ist aber angesichts nervöser Finanzmärkte offen.
Staatsbeteiligung im Rüstungssektor nicht ungewöhnlich
Grundsätzlich sind Staatsbeteiligungen im Rüstungssektor nicht ungewöhnlich. Sie sollen dafür sorgen, dass strategisch wichtige Unternehmen und Technologien nicht in unerwünschte Hände wandern. Darüber hinaus kann der Staat über eigene Vertreter in Kontrollgremien wie Aufsichtsräten Einfluss auf die Strategie nehmen. Und nicht zuletzt kann eine solche Beteiligung in multinationalen Unternehmen dafür sorgen, dass kein Land die Vorherrschaft in einem Konzern übernimmt. Ein Beispiel ist Airbus, wo Deutschland und Frankreich jeweils knapp elf Prozent der Anteile halten, um sich gleichberechtigten Einfluss zu sichern. Auch am Sensorik-Spezialisten Hensoldt ist die Bundesrepublik beteiligt.
Ein Panzerkonzern KNDS in komplettem Staatsbesitz hätte allerdings nach Einschätzung von Experten eine völlig andere Dimension. So sehen Kritiker die Gefahr, dass der Wettbewerb im europäischen Rüstungsmarkt leiden würde. Nämlich dann, wenn Staaten wie Deutschland und Frankreich bevorzugt bei ihrem eigenen „Staatskonzern“ einkaufen würden, statt offenen Wettbewerb zuzulassen. So ist Rheinmetall, und damit der wichtigste Konkurrent von KNDS, als Aktiengesellschaft mit einer breit gestreuten Anlegerstruktur in Privatbesitz.

