Der Konzern mit den besten Karten
Dabei hätte Microsoft zu Beginn des KI-Booms eigentlich perfekte Voraussetzungen. Schon 2019 investierte Microsoft in OpenAI, das Unternehmen, das Ende 2022 ChatGPT an den Markt bringen würde. Dazu kam ein Vertriebsapparat, von dem neue KI-Startups nur träumen können – und ein Geschäftsmodell, das wie gemacht ist für KI: Microsoft verkauft Software an Unternehmen, und Unternehmen sind deutlich eher bereit, für KI zu zahlen als Privatleute.
Weshalb liegt das Microsoft-Produkt im KI-Rennen also bislang eher zurück? Einer der Gründe könnte sein, dass es so etwas wie den „Microsoft Copilot“ eigentlich gar nicht gibt. Tatsächlich gibt es mittlerweile dutzende Produkte dieses Namens.
Copilot-Wirrwarr: Ein Name, viele verschiedene Produkte
Dazu gehören der „Microsoft 365 Copilot“ und „Microsoft 365 Copilot Chat“, das sind die Produkte, von denen viele im Arbeitskontext schon mal gehört haben. Die sind aber nicht das Gleiche wie der „Microsoft Copilot“ – eine Art ChatGPT-Konkurrent für Privatnutzer. Oder der „Copilot in Windows“ – ein KI-Assistent fürs Betriebssystem. Dazu kommen zahlreiche Copilot-Plugins, etwa in Excel, PowerPoint oder Azure. Und nicht zuletzt spezialisierte Copilot-Varianten für bestimmte Geschäftsbereiche: Die heißen dann zum Beispiel „Microsoft 365 Copilot for Sales“ oder „Microsoft 365 Copilot for Service“.
Obwohl all diese Produkte einen Namen teilen, haben sie oft nur wenig miteinander zu tun und werden Microsoft-intern von unterschiedlichen Teams entwickelt. Eine Analyse in der aktuellen Folge von „Der KI-Podcast“ zeigt das Ausmaß: Selbst wenn man sich mit dem Copilot zurechtfindet und beispielsweise mit der Einrichtung von KI-Agenten loslegen möchte, folgen die nächsten Schwierigkeiten: Beispielsweise ist ein „Excel Agent“ im Copilot Studio nicht das Gleiche wie über den Copilot in Excel den „Agent“-Mode zu starten. Und so weiter.
Viele Baustellen
Aber nicht nur dieses Wirrwarr hält Microsoft zurück. Auch das Verhältnis zum wichtigsten Partner ist immer komplizierter geworden: OpenAI ist heute für Microsoft weniger ein Verbündeter und mehr ein Konkurrent.
Und anders als dieser Konkurrent muss Microsoft sich oft mit der banalen Realität des Unternehmensalltags herumschlagen. Denn ausgerechnet einige der Stärken des Copilots – etwa, dass man damit schnell und einfach Unternehmensdaten durchsuchen kann – werden schnell zum Problem. Beispielsweise kommen durch den Copilot schnell Dateien ans Licht, die versehentlich für mehr Mitarbeiter freigegeben wurden als gedacht. In der alten Welt vor KI war das kein großes Thema – man hätte sich durch hunderte Ordner klicken müssen, um die Datei zu finden.
Besser als sein Ruf?
Dennoch zeigen Tests in „Der KI-Podcast“: Sein etwas angestaubtes Image hat der Copilot nicht unbedingt verdient. Meetings zusammenfassen, E-Mails und Dateien durchsuchen, mit der Notebooks-Funktion Dokumente zu einem Thema bündeln – solche Aufgaben erledigt der Copilot inzwischen ordentlich. Wichtig dabei ist vor allem aber, den „Reasoning“-Modus einzuschalten, mit dem das Modell bei komplexen Fragen länger „nachdenkt“.
Vielleicht auch deshalb konnte Microsoft zuletzt auch ein starkes Wachstum beim Copilot verzeichnen: Zehn Millionen neue Lizenzen sind in den letzten Quartalszahlen dazugekommen. Auch der Aktienkurs reagiert positiv auf die aktuelle Microsoft-Strategie. Anders als OpenAI, Anthropic und Google investiert der Konzern erst einmal keine Unsummen in die Entwicklung großer Modelle. Stattdessen hält er sich erst einmal zurück – und könnte am Ende der heimliche Gewinner sein.

