Diese neuen ESC-Regeln dürften noch für viel Aufregung sorgen: Die European Broadcasting Union (EBU), Veranstalter des weltweit bekanntesten Schlager-Wettbewerbs, gab auf ihrer Homepage eine Reihe von „Änderungen und Klarstellungen“ bekannt [externer Link], die ab 2027 gelten sollen. So soll das Land des ESC-Gewinners das nächstjährige Finale nicht mehr in jedem Fall ausrichten dürfen.
Vielmehr wird ein Gastgeber-Sender künftig „automatisch von der Ausrichtung des Wettbewerbs ausgeschlossen“, wenn ein „bewaffneter Konflikt, eine heikle geopolitische Situation oder eine andere Situation die Sicherheit, den Schutz oder die Stabilität seines Staates oder seiner unmittelbaren Region“ wesentlich beeinträchtige.
EBU kann „alternativen Gastgeber“ bestimmen
„Die EBU kann, falls erforderlich, eine unabhängige Sicherheitsbewertung der Region des Gewinners in Auftrag geben“, heißt es in der Presseerklärung: „Sollte der Sender im Gewinner-Land die Veranstaltung nicht ausrichten können, bestimmt die EBU einen alternativen Gastgeber. Der beauftragte Gastgeber übernimmt alle Rechte, Pflichten und Haftungen im Zusammenhang mit der Ausrichtung des Wettbewerbs, einschließlich der Verantwortung für Organisation, Produktion und Durchführung. Der Gastgeber organisiert den Wettbewerb eigenständig und ist nicht verpflichtet, die Veranstaltung im Auftrag eines anderen Mitglieds durchzuführen.“
Besonders der letzte Satz wurde international sehr aufmerksam wahrgenommen, ist er doch vielfältig interpretierbar. Einer der zahlreichen Netz-Kommentatoren meinte [externer Link]: „Dadurch schafft sich die EBU Spielraum für Krisen, bei denen ein Land selbst nicht unmittelbar Kriegsschauplatz ist. Das könnte perspektivisch auch für andere Staaten [als Israel] insbesondere in Osteuropa oder an geopolitischen Konfliktlinien relevant werden.“
„Sicheres und einladendes Umfeld“
ESC-Direktor Martin Green sagte in einem Statement: „Der Eurovision Song Contest entwickelt sich stetig weiter, und unsere jährliche Überprüfung der Regeln ist ein wichtiger Bestandteil, um sicherzustellen, dass der Wettbewerb für alle Teilnehmenden, einschließlich der Millionen von Menschen weltweit, fair, transparent und einheitlich bleibt. Wie immer haben wir uns am Feedback unserer Mitglieder orientiert und einige Bereiche für 2027 präzisiert und gestärkt.“
Die neuen Regeln sollten „allen Beteiligten mehr Klarheit verschaffen, die Künstler schützen und gewährleisten, dass der Wettbewerb weiterhin ein sicheres und einladendes Umfeld bietet“, während gleichzeitig der Geist und die Integrität bewahrt würden, die den Eurovision Song Contest „so besonders“ machten.
Problem für Israel und die Ukraine
Nicht nur die britische BBC sprach von einer Reaktion auf die umstrittene Teilnahme Israels an dem Wettbewerb [externer Link]. Einige EBU-Mitgliedsländer hätte seit längerem „Sicherheitsbedenken“ angemeldet, falls ein israelischer Beitrag gewinnen sollte. In diesem Jahr kam Israels Teilnehmer Noam Bettan in Wien mit „Michelle“ auf den zweiten Platz, eine Spitzenbewertung, die im vergangenen Jahr in Basel auch Yuval Raphael mit „New Day Will Dawn“ erreichte. Beide Songs waren beim abstimmenden Publikum deutlich beliebter als bei den Jurys.
Die österreichische „Presse“ fasste die Regel-Reform in der Schlagzeile zusammen: „Israel darf Song Contest bei Sieg nicht austragen“. Die „Times of Israel“ argwöhnte ebenfalls [externer Link], die neuen Regeln zielten auf einen möglichen Sieg des Landes ab. In der englischsprachigen Ausgabe der Zeitung „Haaretz“ heißt es ähnlich: „Eine neue Regeländerung beim Eurovision Song Contest könnte Israel künftig von der Ausrichtung ausschließen.“
Finale im nächsten Jahr in Bulgarien
Allerdings wäre von den neuen Regeln auch die Ukraine betroffen: Bereits 2023 hätte das Finale in Kiew stattfinden sollen, da ein Jahr zuvor die ukrainische Gruppe Kalush Orchestra gewonnen hatte, doch wegen Putins Angriffskrieg wurde das Finale ins britische Liverpool verlegt.
Zu den weiteren Reformen beim ESC gehört eine Anhebung des Mindestalters der Teilnehmer von bisher 16 auf künftig 18 Jahre. Stichtag ist der erste Probentag. Außerdem muss der Leadgesang live geboten werden, Playbacks dürfen ihn nicht mehr „übermäßig unterstützen“.
Der Wettbewerb im nächsten Jahr findet in Bulgarien statt, nachdem die von dort stammende ESC-Finalistin Dara in Wien mit ihrer Hymne „Bangaranga“ gewonnen hatte.

