Manuela Klotzbücher hat Glück. Sie zählt zu denen, die einen Balkon besitzen – so wie knapp 70 Prozent aller Haushalte in Deutschland. Vor allem zum Schreiben nutze sie ihn gerne, sagt sie. An heißen Sommertagen schlafe sie sogar dort. Besonders gern dieser Tage, wenn so viele Sternschnuppen zu sehen sind.
Wie Echnaton auf den Balkon kam
Klotzbücher ist allerdings nicht nur Balkon-Benutzerin. Die Münchner Ethnologin und Kulturforscherin beschäftigt sich auch wissenschaftlich mit ihm. Vor zwei Jahren hat sie eine Studie vorgelegt („Nach oben hin offen“ [externer Link]), die seine Geschichte nachzeichnet – vom Alten Ägypten bis in die Zeit der Corona-Pandemie.
Damals wurde besonders sichtbar, welche Rolle Balkone für unsere Lebensqualität spielen können. Für viele war der Balkon in den Pandemiemonaten der einzige Draußenort, an dem man sich ungehindert aufhalten konnte – ein Stückchen Freiheit, und wenn auch nur zwei Quadratmeter groß. Für Manuela Klotzbücher war das der Anlass, sich eingehender mit der Nutzungsgeschichte dieses luftigen Hausanhängsels zu beschäftigen.
Als seinen „Erfinder“ könnte man durchaus den altägyptischen Pharao Echnaton bezeichnen. Der machte sich über tausend Jahre vor Christi Geburt nicht nur als religiöser Reformer einen Namen, der den Vielgötter- durch den Sonnenglauben ersetzte. Er war es auch, der in seinem Palast ein Fenster zu einem sogenannten „Erscheinungsbalkon“ vergrößern ließ, auf den er treten konnte, um sich seinem Volk zu präsentieren.
Vom Herrschaftssymbol zum Ort für alle
Wenn heute noch Königsfamilien oder Fußballmannschaften von Rathaus- oder Palastbalkonen winken, während unten die Fans jubeln, dann folgt das derselben Logik. Wobei Balkone heutzutage natürlich längst kein Privileg der Mächtigen mehr sind wie noch zu Echnatons Zeiten. Damals gab es den Balkon tatsächlich nur im Singular. Die einfachen Ägypter nutzten stattdessen ihre Flachdächer als Draußenraum – und das ausschließlich nachts, untertags wäre die Hitze dort oben unerträglich gewesen.
Zu einem Ort der Vielen wurde der Balkon schließlich im neunzehnten Jahrhundert, als man in Frankreich begann, herrschaftliche Stadthäuser mit durchlaufenden Balkonen zu umgürten. Ein architektonisches Element, das man wiederum venezianischen Palastbauten abgeschaut hatte. Dort waren Balkone seit der Renaissance in Mode. Sie galten vor allem als Herrschaftssymbol, geeignet, um sich vom gemeinen Volk abzusondern und die eigenen Ländereien zu überblicken.
Im nachrevolutionären Frankreich wurde daraus dann zunächst ein Privileg des reichen Bürgertums – bis im 20. Jahrhundert auch der einfache Arbeiter mit Balkonen verwöhnt wurde. Wunderbar beobachten kann man das am Beispiel der Arbeitersiedlungen in Berlin Zehlendorf, die vor wenigen Wochen in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurden. Die Architekten Hugo Häring und Bruno Taut waren unter den ersten, die auch den Arbeiterinnen und Arbeitern einen privaten Zugang zu Sonne und Licht ermöglichen wollten. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Bauhaussiedlung danken es ihnen bis heute.

