Da hat man sechs Jahre gewartet auf ein neues Album von Phoebe Bridgers, die mit ihrem gehauchten Gesang und den zarten Folksongs zum Inbegriff der sogenannten „Sad Girl Music“ wurde. Und dann? Erkennt man sie auf dem neuen Album zuerst gar nicht!
Trennung, Tod und neue Liebe
Die verletzliche Stimme wird durch Vocoder verzerrt. Der Opener „The Outside“ klingt, als hätten wir’s hier mit einer anderen Phoebe Bridgers zu tun als früher. Und in gewisser Weise stimmt das vielleicht. Es ist viel passiert.
Da war der große Erfolg mit ihrer Supergroup Boygenius, mit der sie 2024 gleich einen Grammy bekam. Da war die Trennung von Schauspieler Paul Mescal, da war der Tod ihres Vaters, und dazu eine neue Liebe. Sie sei etwas „world-weary“ gewesen, sagt sie selbst, der Welt also überdrüssig.
Dasselbe galt wohl für Social Media. Ihren legendären, weil legendär witzigen Twitter-Account hat sie zugemacht. Auf ihren Konzerten herrscht jetzt Handyverbot. Keine Smartphones. Guter Move. Natürlich ist sie noch die Alte, die coole Phoebe Bridgers. Sie klingt nur ein bisschen anders.
Mehr Mut zur Lautstärke
„Bobby“ zum Beispiel ist ein hymnischer Folk-Rock-Song über ihren neuen Partner. Noch ein bisschen ängstlich, aber euphorisch, mit einer für sie typischen, großartigen Textzeile: „Ich weiß nicht, ob ich’s heute Abend schaffe, aber hey, was machst du den Rest meines Lebens?“
Es steckt hörbar mehr Dynamik in ihren Songs, die früher oft sehr minimalistisch waren, auf einer Ebene mit ihrer gehauchten Stimme. Gleich mehrmals wechseln die Songs jetzt völlig die Richtung. „Kill Me“ baut sich zum Beispiel ganz leise auf mit Akustikgitarre und Klavier, wird immer atmosphärischer, bis es einen fast vom Stuhl reißt. Wie aus dem Nichts brechen laute, verzerrte Sounds herein.
Ähnlich ist es beim Titeltrack „Lost Weekend“, wo das Gewitter aus Elektronik, zerhackten Streichern und Vocals noch gewaltiger ist. Sie habe zuletzt viel Ambient gehört, sagt Phoebe Bridgers. Das merkt man auch an den Interludes und instrumentalen Parts.
Ihr bestes Album bisher
Es gibt zutiefst traurige Momente. Wenn wir plötzlich Phoebes verstorbenen Vater in einer Sprachnachricht hören. Das Verhältnis zu ihm war kompliziert. In „Still Standing“ singt sie von einer traumatischen Kindheitserinnerung, als er offenbar ihrer Mutter gegenüber gewalttätig wurde.
In den leisen Songs zeigt sich das unheimlich raffinierte Songwriting besonders. „I have no secrets, only feelings“, singt Phoebe Bridgers an einer Stelle. Und sie lässt ihre Gefühle, die Trauer und die Liebe, auf eine aufregende Art und Weise raus, wie man das noch nicht gehört hat bei ihr. Ihr bestes Album bisher.

