Schneiden, malen, Perlen auffädeln, Bauklötze stapeln oder Schnürsenkel binden: Für all das brauchen Kinder Feinmotorik. Gemeint sind kleine, gezielte Bewegungen vor allem mit den Händen und Fingern. Wie wichtig diese Fähigkeiten für das Lernen sind, insbesondere für Lesen, Schreiben, Mathematik und kognitive Fähigkeiten, haben Forschende der Universität Regensburg jetzt in zwei großen Metaanalysen [externe Links] untersucht. Insgesamt werteten sie mehr als 170 internationale Studien mit Daten von über 120.000 Kindern und Jugendlichen aus.
Was Feinmotorik mit Schulleistungen zu tun hat
Das Ergebnis beider Studien: Feinmotorische Fähigkeiten hängen mit kognitiven Fähigkeiten und schulischen Leistungen zusammen. Besonders deutlich zeige sich das beim Lesen, Schreiben und in Mathematik, sagt Bildungsforscherin und Studienmitautorin Viktoria Karle. Und: Im Vergleich zur Grobmotorik sei die Feinmotorik für schulische Leistungen stärker relevant gewesen.
Wichtig ist laut den Bildungsforschern aber: Die Metaanalysen zeigen nur, dass Feinmotorik und schulische Leistungen zusammenhängen. Ob eine bessere Feinmotorik tatsächlich dazu führt, dass Kinder besser in der Schule abschneiden, ist nicht eindeutig geklärt und wird weiter erforscht.
Warum Feinmotorik beim Lernen helfen kann
Ein möglicher Grund: Wer einen Stift sicher führen kann, muss beim Schreiben weniger Aufmerksamkeit auf die Bewegung selbst richten. Dadurch bleibt mehr geistige Kapazität für den Inhalt – etwa um gleichzeitig zu lesen, zu verstehen oder Gedanken für eine Geschichte zu ordnen.
Auch bei Mathematik hilft Feinmotorik. Gerade, wenn kleinere Kinder beim Zählen die Finger zu Hilfe nehmen. Damit können sie sich abstraktes Wissen besser vorstellen. Sie holen sozusagen das Wissen in den Körper. Und dieser Zusammenhang zeigt sich offenbar nicht nur bei kleinen Kindern, sondern bis ins Jugendalter.
Warum Schreiben mit der Hand anders ist als Tippen
Kinder lernen also nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen. Das bestätigt der Psychologe und Hirnforscher Markus Kiefer von der Universität Ulm. Er hat in mehreren Studien untersucht, was beim Schreiben im Gehirn passiert und ob es einen Unterschied macht, ob Kinder mit der Hand schreiben oder nur auf einer Tastatur tippen [externer Link]. Beim Schreiben mit der Hand bildet die Bewegung der Hand die Form eines Buchstabens nach. So entstehen nach Kiefers Erklärung zwei Gedächtnisspuren: eine visuelle und eine motorische.
Beim Tippen fehlt diese zusätzliche motorische Information. Die Bewegung ist bei jedem Buchstaben nahezu gleich: Eine Taste wird gedrückt. Beim Handschreiben dagegen wird die Form des Buchstabens gewissermaßen mit der Bewegung mitgespeichert. Das hilft sogar später, lesen zu lernen. Sieht ein Kind einen Buchstaben wieder, erinnert sich das Gehirn gewissermaßen auch an die Bewegung, mit der es ihn geschrieben hat. Kiefer nennt Feinmotorik deshalb einen „Katalysator für gute Schulbildung“.
Wie Eltern die Feinmotorik im Alltag fördern können
Gerade in einer zunehmend digitalen Lernwelt sollte die Feinmotorik also nicht verschwinden. Dazu braucht es kein spezielles Trainingsprogramm. Bildungsforscherin Viktoria Karle nennt klassische Tätigkeiten wie Malen, Basteln, Bauklötze stapeln oder Bügelperlen anordnen.
Ebenso wichtig sind alltägliche Aufgaben: Kinder beim Kochen oder Gärtnern mitmachen lassen, sie sollen selbst Schnürsenkel binden oder Reißverschlüsse zuziehen. Entscheidend ist, ihnen solche Tätigkeiten regelmäßig zuzutrauen – ohne zusätzlichen Leistungsdruck aufzubauen. Denn entscheidend ist offenbar nicht, dass Kinder möglichst perfekt mit den Fingern sind, sondern dass ihre Hände beim Lernen mitmachen dürfen.

