Sie freue sich, sagt Charlotte Knobloch im BR-Gespräch, „dass es nochmal gelungen ist, etwas über das jüdische Leben in Deutschland an die Öffentlichkeit zu bringen“. Auch wenn ihr „jüdisch-deutsches Fazit“, so der Untertitel ihres neuen Buches „Trotzdem weiter“, nüchtern ausfällt: Sie habe sich getäuscht, nimmt schon ihre Einleitung vorweg, dass es gelungen sei, „jüdisches Leben in Deutschland auf ein stabiles Fundament zu stellen“.
Antisemitismus nicht bloß „importiertes Problem unter Muslimen“
In ihrer rund 270 Seiten umfassenden Bestandsaufnahme sucht die 93-jährige Münchnerin, die die nationalsozialistische Judenverfolgung in einem Versteck in Mittelfranken überlebte, nach Ursachen für den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Er sei „mitnichten, wie es vielen Rechtspopulisten gefallen würde, nur ein ‚importiertes‘ Problem unter Muslimen“, sondern wuchere „an den schmutzigen Rändern rechts wie links und keimt selbst in der gesellschaftlichen Mitte auf“.
Als Holocaust-Überlebende, die miterlebte, wie Deutschland in eine Diktatur schlitterte, sei sie besonders sensibel gegen antidemokratische Vorstöße, die sie heute allen voran in der AfD ausmacht. Im BR-Gespräch nennt sie das Erstarken der Rechtspopulisten „für jüdische Menschen ein Schlag ins Gesicht“.
Denn die AfD mache sich die allgemein sinkende Bereitschaft der Deutschen, „sich ernsthaft und bewusst mit der dunklen Vergangenheit auseinanderzusetzen“, zu eigen. Als Beispiele nennt sie die Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ von AfD-Mann Björn Höcke, ebenso Alexander Gaulands Wertung des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ innerhalb der deutschen Geschichte, die scharf kritisiert wurde.
AfD-Verbotsverfahren: „Nicht übervorsichtig agieren“
„Doch zugleich warte ich vergebens auf konkrete Taten, auf politische Sanktion“, schreibt Knobloch in „Trotzdem weiter“. Ein AfD-Verbotsverfahren kommt ihr zufolge fünf Jahre zu spät. Dies heiße aber nicht, „dass die demokratische Mitte noch einmal fünf Jahre warten muss“. Eine wehrhafte Demokratie dürfe „nicht übervorsichtig agieren“, fordert Knobloch.
Dass es da trotzdem die innerparteiliche Gruppierung „Juden in der AfD“ gebe, nennt sie „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“ und verweist etwa darauf, dass der bayerische AfD-Landesverband bei der jüngsten Landtagswahl ein Verbot der religiösen Beschneidung gefordert habe. Entsprechend blickt die breite jüdische Community Knobloch zufolge mit „Unglauben bis Spott“ auf die „Juden in der AfD“.
Vertrauen auf Israel als „sicheren Hafen mehr als erschüttert“
In ihrem Buch blickt Knobloch insbesondere auf die antijüdischen Entwicklungen ab dem Jahr 2012, als sie ihre Autobiographie „In Deutschland angekommen“ veröffentlichte. „Damals war ich noch positiv gestimmt“, sagt sie dem BR. Die neue Hauptsynagoge in der Münchner Innenstadt war damals noch keine zehn Jahre eingeweiht, Juden fühlten sich sicher – sicherer als in den Jahren danach und heute.
Einer der Gründe dafür sei auch der Angriff der radikal-islamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Seither werde Israel nochmal sehr viel häufiger gleichgesetzt mit „Jüdischsein“, auch antisemitische Ausschreitungen erlebten Juden seither häufiger, dabei sei ihre Situation nochmal dramatischer, schreibt Knobloch: „Über fünfundsiebzig Jahre lang konnten jüdische Menschen in aller Welt immer darauf vertrauen, dass es im Falle des Falles einen sicheren Hafen für sie gab“, nämlich Israel. „Dieses Vertrauen wurde mit dem 7. Oktober 2023 mehr als erschüttert.“
„Die Realität ist leider: Ich werde jeden Tag bedroht. Mehrfach.“
Im BR fragt Knobloch: „Was soll man jungen Menschen antworten, die die Frage an mich stellen: Können wir in Deutschland bleiben? Sollen wir auswandern? Aber wohin?“ Knoblochs Buch „Trotzdem weiter“ kann man als eine Antwort darauf lesen: Es ist nämlich auch ein Appell, dem Antisemitismus entgegenzuwirken – „sodass sich jüdische Menschen hier wieder gerne zu Hause fühlen“, sagt Knobloch. Das gelte auch für sie: „Die Realität ist leider: Ich werde jeden Tag bedroht. Mehrfach. Seit jeher – wie jeder, der sich in Deutschland als jüdischer Mensch in verantwortlicher Stellung exponiert“, schreibt Knobloch.
Und trotzdem macht sie weiter – oder gerade deshalb: Erst Anfang Juli hat sie ihre Wiederwahl zur Präsidentin der israelitischen Kultusgemeine in München und Oberbayern angenommen. „Wahl ist Wahl“, sagt Knobloch. Der Titel ihres Buches spricht der 93-Jährigen also auch in der Hinsicht aus der Seele.

