An einer Stelle in diesem Roman wird die Ungerechtigkeit diskutiert, dass erfolgreiche, mächtige Frauen über 50 viel weniger Sex haben als erfolgreiche, mächtige Männer im gleichen Alter. Es ist eine weinselige Unterhaltung, die allerdings massive Folgen haben wird.
500 Seiten in immer neuen Wendungen
Nicht mal ein Dickpic bekomme sie noch, beschwert sich die Protagonistin Betty im Roman. Nicht so schlimm, denkt man da als Leserin, weder für Betty, noch für die Gesamtgesellschaft. Aber natürlich ist an dieser Stelle längst klar, dass Juli Zeh mit „Pony Show“ einen Gerichtskrimi vorlegt, in dem es auch um Rollenzuschreibungen zwischen Männern und Frauen und um manipulative Beziehungen geht.
Die supererfolgreiche Verlegerin Betty wird mit Waffe, Falschgeld und Blutspuren erwischt. Und ihr Verlagspraktikant Fero ist verschwunden. Anklage wird erhoben. Hat sie ihren Praktikanten umgebracht? Hat sie eine Beziehung mit ihm gehabt? Oder macht man ihr den Prozess, weil sie mit einem „Toy Boy“ den Erwartungen an weibliches Verhalten nicht entspricht? Für Betty selbst ist die Sache klar: „Es ist ein Prozess gegen das weibliche Geschlecht“, sagt sie im Roman.
Vor allem aber ist es ein Mord-Prozess, der gleichzeitig den Erzählrahmen liefert – ein Prozess ohne Leiche, aber mit vielen Indizien, und begleitet von einer bekannt polarisierten Öffentlichkeit (#Free Betty). Über 500 Seiten gibt es ständig neue Wendungen, wie das bei einem „Whodunit“ ja auch sein soll, und der Schluss ist natürlich auch noch mal anders als erwartet.
Roman stellt Fragen nach (weiblichem) Machtmissbrauch
Und weil Juli Zeh anspruchsvoll unterhält, geht es auch um Gesellschaftliches, nämlich Fragen weiblicher Handlungsspielräume, bis hin zu weiblichem Machtmissbrauch. Wobei man sich ein bisschen fragt, wie plausibel es ist, dass der neue Praktikant die erfahrene Chefin so in seinen Bann geschlagen haben soll, dass er innerhalb kürzester Zeit ihr Nummer-1-Ansprechpartner wurde. Es gibt da Anleihen an den Film „Babygirl“ mit Nicole Kidman, letztes Jahr im Kino, in dem ebenfalls ein ziemlich spezieller Praktikant vorkommt (der Film spielt in „Pony Show“ eine gewisse Rolle).
Stärker setzt Zeh aber auf die „Wer war’s/Wie war’s‘“-Spannung. Bettys Anwalt Mark, der uns das Ganze erzählt, fragt sich das auch. („Du hast davon gewusst, nicht wahr?, frage ich. Von den Blutspuren im Ferienhaus? – Betty nickt.“) Das erzeugt allerdings ein erzählerisches Problem, denn einerseits erfahren wir über Betty und Fero nur häppchenweise mehr und nur gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Mark, so wie Betty es will und die Krimi-Logik es fordert.
Andererseits wird – Zitat – „Bettys Geschichte“ dann von einer übergeordneten Erzählinstanz übernommen, die genau weiß, wie’s war. Das interessante Spiel mit den relativen Wahrheiten, die gerade in einem Gerichtsprozess von so großer Bedeutung sind, ist also immer nur Zwischenstation. Und die Perspektive von Praktikant Fero, der einen ukrainischen Hintergrund hat und eine sehr interessante Figur abgibt, gibt es nur indirekt und auch erst gegen Schluss. Im Wesentlichen konzentriert der Roman sich auf die Sicht der Ü-50-Frau und ihre Fragen und Themen. Das bleibt ein wenig unter Zehs Möglichkeiten.
Nicht Zehs bester Roman
Juli Zehs rhythmische Sprache und ihr meist ironisch-schlagfertiges Personal machen wieder Spaß beim Lesen. Spannend ist der Roman auch. Hinter der überzeugenden Widersprüchlichkeit eines Romans wie „Unterleuten“ aber, den Juli Zeh damals konsequent aus Sicht ganz verschiedener Figuren erzählte, bleibt „Pony Show“ zurück.

