Kalt und „unpersönlich wie das Mondlicht“, das ist für Richard David Precht die Künstliche Intelligenz (KI). „Die KI kann alles außer Lebensweisheit“, schreibt der 61-Jährige in seinem neuen Buch „Auserzählt? Wie Künstliche Intelligenz die Kultur abschafft“. Ist sie damit nicht der natürliche Feind aller Philosophie?
Precht: KI tötet die menschliche Neugier
Gerade nicht, betont Precht im Interview. Die Philosophie sei schließlich – zumindest ihrem traditionellen Verständnis nach – für Lebensweisheiten zuständig. „Und da muss man sagen: Wenigstens das Terrain wird der Philosophie noch nicht streitig gemacht im Gegensatz zu vielen Berufen, deren Terrain streitig gemacht wird.“
Nehmen wir nur den Beruf des Schriftstellers. Richard David Precht schrieb einst zusammen mit seinem Bruder Georg und seinem Vater Hans-Jürgen Precht einen Kollektivroman („Die Instrumente des Herrn Jørgensen“). Sieben Jahre arbeiteten sie seinerzeit daran. Könnte das nicht längst eine KI in Sekundenschnelle übernehmen? Vielleicht noch nicht jetzt, meint Precht, aber das sei nur „eine Frage der Zeit“.
Richard David Precht geht es allerdings nicht um die damit verbundene narzisstische Kränkung des Menschen. Vielmehr will er in seinem neuen Buch aufzeigen, dass wir einen fundamentalen Kulturverlust erleiden, wenn wir der KI zu viel überantworten. Denn die Sprachmaschine verneint laut Precht den „Wert des Unverfügbaren“, der menschliche Kreativität erst stimuliert. Sie steht für das, was er „Abenteuerlosigkeit“ nennt, für eine Verödung der Neugier – und sie verändert auch die politische Kultur. „Im Grunde genommen erleben wir gerade die Abschaffung des Wertes von geistiger Kreativität“, stellt Precht nüchtern fest.
Precht fordert KI-freie Zonen im Bildungssystem
Die verführerisch „fürsorgende“ KI lässt uns Fertigkeiten verlernen – und dieses „deskilling“ wiederum führt zu einer immer weiterwachsenden Abhängigkeit von ihr. Vor allem das Verstehen-Wollen, das Sich-selbst-Erschließen der Welt verkümmere schnell angesichts der „Wucht des rein statistisch generierten Wissens“, so Precht.
Es brauche deshalb Räume, die nicht von der KI besetzt seien, meint Precht, KI-freie Zonen sozusagen. Damit widerspricht er auch dem Bayerischen Wissenschaftsminister Markus Blume, der unlängst gefordert hatte, KI auch an den Universitäten regulär zuzulassen. Noch mehr sieht Precht allerdings die Schulen in der Pflicht.
„Früher hatten die Schulen die Aufgabe, den Menschen auf das Leben, das Berufsleben vorzubereiten“, so der Philosoph im Interview. „Das Leben und Berufsleben besteht aber heute daraus, dass ich mit Hilfe von KI auf jede Frage sofort eine schnelle Antwort finde und sich deshalb keine Verstehens-Strukturen mehr aufbauen. Also muss die Schule der Raum sein, in dem die Urteilskraft geschärft und gestärkt wird, die intrinsische Neugier bewahrt wird, die Kunst des Fragens dadurch kultiviert wird, dass es nicht auf jede Frage eine schnelle Antwort gibt. Das ist im Grunde genommen eine völlige Neudefinition der Aufgabe von Schulen.“
Was eigentlich trainiert werden müsste, glaubt Richard David Precht, das ist das „Spazierengehen der Intelligenz“, ein Denken, das auch mal Umwege in Kauf nimmt, weil gerade die uns Erkenntnisse bescheren. „Der Weg ist das Ziel selbst. Das ist ja das Bezeichnende am Spazierengehen“, sagt er. „Und diese Art von Auseinandersetzung mit den Dingen, die den Wert in sich selbst tragen, die sind elementar dafür, dass es so etwas gibt wie lebendige Kultur. Das ist das Herz der Kultur.“

