An den Börsen hat sich die Begeisterung für Rüstungsaktien in diesem Jahr spürbar eingetrübt. Aktien wie die Papiere von Rheinmetall notieren deutlich unter ihren Höchstständen. Daran scheiterte im Sommer auch der geplante Börsengang des Panzer-Spezialisten KNDS. Der ist bisher zur Hälfte im Besitz des französischen Staates, die andere Hälfte gehört einer weit verzweigten deutschen Familie. Diese hatte nach Informationen aus Finanzkreisen unrealistische Erwartungen an einen möglichen Erlös durch den Ausstieg aus dem Panzergeschäft.
KNDS soll vorübergehend Staatskonzern werden
Nun will der Bund offenbar diesen deutschen Anteil übernehmen, wobei der Verkaufspreis bisher unklar ist. KNDS würde damit zumindest zwischenzeitlich zum Staatskonzern. Grundsätzlich aber will das Management des Konzerns am ursprünglich geplanten Börsengang festhalten. Das beteuerte zuletzt auch Vorstandschef Jean-Paul Alary.
Im Idealfall solle dieser noch vor den Wahlen in Frankreich im kommenden Frühjahr über die Bühne gehen. Denn die Komplettverstaatlichung eines der wichtigsten europäischen Rüstungskonzerne gilt nicht als ideale Dauerlösung und sorgt für viel Kritik.
Nationale Interessen könnten KNDS ausbremsen
Ein politischer Lenkungsausschuss baut keine Panzer. Das ist der Tenor der Kritik an der möglichen Verstaatlichung des deutsch-französischen Panzerbauers KNDS. Konkret befürchten Branchenkenner und auch Militärs, dass nach einer Komplettverstaatlichung nationale Interessen das Unternehmen ausbremsen könnten. Befürchtet werden unter anderem Rangeleien um die Frage, in welche Standorte und Technologien vorrangig investiert werden soll. Darüber hinaus würde das Geld aus dem deutschen Staatseinstieg nicht in das Unternehmen fließen, sondern komplett an die bisherigen Eigentümer gehen.
Angesichts des Bedarfs an modernen Waffensystemen wäre dies ein denkbar ungutes Signal für die europäische Verteidigungsfähigkeit, sagte ein hochrangiger Rüstungsmanager dem BR. In eine ähnliche Kerbe schlägt Tom Enders, Verwaltungsratschef von KNDS. Er verwies in einem Gastkommentar im Handelsblatt (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt) auf seine Zeit als Airbus-Chef, in der deutsch-französische Machtkämpfe den Flugzeugbauer immer wieder zu lähmen drohten. Erst nachdem sich Berlin und Paris mit gleichgewichteten Minderheitsbeteiligungen und einer unabhängigen, marktorientierten Unternehmensführung abgefunden hatten, habe Airbus richtig durchstarten können, so Enders. Auch er setze deshalb nach wie vor mittelfristig auf einen Börsengang.
Interessenskonflikt bedroht Wettbewerb
Auch Wettbewerber sehen die mögliche Verstaatlichung von KNDS kritisch. Wenn der Staat nicht nur wichtigster Auftragsnehmer sei, sondern gleichzeitig auch Eigentümer, dann drohe eine politisch motivierte Bevorzugung von KNDS, selbst wenn die Firma möglicherweise nicht die besten Produkte anbiete. Dazu komme die Gefahr, dass Entwicklungen wegen politischer Erwägungen verzögert werden oder im Sand verlaufen.
Als konkretes Beispiel wird immer wieder das deutsch-französische Panzerprojekt MGCS (Main Ground Combat System) genannt, das noch zu Zeiten von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit viel politischem Tamtam aufgelegt wurde. Mehr als zehn Jahre danach ist allerdings immer noch nicht klar, wie dieser Panzer konkret aussehen soll. Ihm droht möglicherweise ein ähnliches Schicksal wie dem beerdigten deutsch-französischen Kampfflugzeug-Projekt FCAS. Gleichzeitig hat der deutsche Wettbewerber Rheinmetall mit dem KF51 Panther binnen kurzer Zeit und ohne politisches Hickhack einen eigenständigen, modernen Kampfpanzer entwickelt, der mit Ungarn und Italien bereits erste Kunden gefunden hat.
Staatsbeteiligungen als Standortsicherung
Grundsätzlich sind Staatsbeteiligungen an Rüstungsunternehmen nichts Neues. Zumeist geht es dabei um die Sicherung von Standorten, Technologie und Know-how. In den Jahren des Kalten Krieges waren zum Beispiel mehrere Bundesländer, darunter Bayern, Großaktionäre beim deutschen Airbus-Vorläufer MBB.
Heute ist der Bund – in der Regel über die staatliche Bank KfW – mit rund 11 Prozent an Airbus beteiligt, um hier ein Gleichgewicht zum französischen Staatsanteil zu halten. Darüber hinaus sicherte sich Berlin nach dem Börsengang des bayerischen Sensorik-Spezialisten Hensoldt eine Sperrminorität von 25,1 Prozent. Damit will man nicht zuletzt signalisieren, dass die hochmoderne Verteidigungselektronik von Hensoldt strategische Bedeutung für die Bundesrepublik hat und das Unternehmen nicht zum Verkauf an ausländische Investoren zur Verfügung steht.
Mit dem Erwerb von 50 Prozent an KNDS würde sich der Bund außerdem indirekt am Augsburger Getriebespezialisten Renk beteiligen. Dort ist KNDS nämlich nach Firmenangaben (externer Link) mit einem Anteilspaket von etwas mehr als 10 Prozent größter Einzelaktionär.

