„Am besten begegnet man mir einfach, indem man mich ganz normal behandelt – wie man jeden anderen auch behandeln würde. Indem man mich in Ruhe zu Ende stottern lässt“, sagt Jennifer Springer. Sie ist Kölnerin und angehende Lehrerin. Springer stottert und sie spricht darüber – auf Instagram etwa, unter dem Account stotter_otter – und in ihrem neuen Buch „Mein Stottern, das Leben und ich“.
„Wenn ich beispielsweise in einem Café sitze und dann stottere ich das K an und dann ist die Bedienung so lieb mir zu helfen und sagt Kaffee, Karte, Cappuccino und dann muss ich jedes Mal rausstottern, nein, das meinte ich überhaupt nicht und dann dauert es viel, viel länger. Also im Idealfall lässt man mich einfach in Ruhe aussprechen.“
Das Wort Angst findet sich 124 Mal in Springers Buch
In Deutschland stottern mehr als 800.000 Menschen, Frauen und Männer, Alte und Junge – und die allermeisten seit ihrer Kindheit. Bei Jennifer Springer ist es anders. Im August 2023 hat sie einen Schlaganfall – da ist sie gerade Anfang 30. Es folgen schlimme Wochen, in denen die Angst in ihr riesig groß wird. Vor dem Angesprochen werden, dem Lebensmittel kaufen, dem vor die Tür gehen.
Irgendwann reicht die Kraft, Jennifer sucht sich Hilfe – und findet sie bei der Bonner Stottertherapie. „Ich bin damals mit dem Ziel dahin gegangen, ich will das Stottern unbedingt loswerden und hab mich dahin gesetzt und war hochmotiviert und hab gesagt, sag mir was ich tun muss, damit ich nicht mehr stottere.“ Dort habe man allerdings erstmal auf die Bremse gedrückt: „Mir wurde gesagt, wir können Ihnen jetzt Sprechtechniken beibringen, aber es bringt ja gar nichts, wenn Sie trotzdem Angst haben, mit fremden Menschen zu sprechen. Deswegen schauen wir erst mal, dass Sie weniger Angst haben.“
Springers Buch ist gar nicht mal so furchtbar dick. Und doch: Das Wort Angst steht darin 124 Mal. Weil Angst eine riesige Rolle spielt in Springers Leben – und wohl bei zehntausenden anderen Stotternden genauso. „Die Angst vor dem Sprechen mit Fremden ist tatsächlich viel, viel größer und schlimmer als das Sprechen an sich.“
Stottern heißt oft auch: Angst und Scham
Springer schreibt in ihrem Buch, wie sie der Angst begegnet. Auf ihrem Insta-Kanal tut sie das auch, sehr eindrücklich, da sieht man sie, wie sie ihren Alltag bewältigt. Telefoniert, einkauft. Vor Erschöpfung weint. An anderen, an besseren Tagen gibt sie Tipps, wie man Stotternden leicht helfen kann. Sie hofft, dass ihr Einsatz anderen hilft, gerade heute am Welttag des Stotterns. Das Motto in diesem Jahr lautet: Du bist nicht allein.
„Angst und Scham, das sind Sachen, die gerade, wenn man alleine zu Hause sitzt und allein mit seinen Gedanken ist, unglaublich groß und gruselig werden können.“ Und sie glaube, „wenn man jemanden hat, der das Gleiche hat, wie man selbst und sich irgendwie verstanden fühlt, dass dann auch so Angst und Scham kleiner werden“.
Die Medizin hat das Stottern noch immer nicht ganz verstanden
Über ihre Angst schreibt Jennifer Springer und über das Hadern mit ihrer Behinderung. Die Medizin hat das Stottern noch immer nicht ganz verstanden – aber dass es ein Leben lang bei Springer bleiben wird, lässt sich recht sicher sagen. Mindestens so viel wie ums Stottern selbst geht es dann bei ihr um die Begegnung mit all jenen, die nicht stottern. Die Kellnerin im Café. Die Schüler an Springers Schule. Und deutlich wird: Wenn diese Begegnungen klappen, freundlich und geduldig, dann kann auch das Leben mit dem Stottern gelingen.
Der womöglich wichtigste Satz des Buches steht gleich auf Seite 26: „Und fast jeder stotternde Mensch, den ich gefragt habe, was sein größtes Problem sei, hat mir das Gleiche gesagt: ‚Nicht das Stottern.'“

