Was haben eine büßende Maria Magdalena von El Greco, ein drachenköpfiger Zierbeschlag aus dem Mittelalter und Pablo Picassos Vorstudie zu den Demoiselle d’Avignon mit Barcelona zu tun? Viel, sehr viel!
Barcelona erlebt Ende des 19. Jahrhunderts einen extremen Umbruch. Die Stadt ist stark industrialisiert in einem ansonsten weitgehend landwirtschaftlich geprägten Land. Die Textilindustrie bringt Geld in die Stadt, eine reiche Bürgerschicht wächst und damit der Wunsch nach Repräsentation: Man baut stattliche Häuser, richtet sich neu ein, sammelt Kunst.
Zugleich befindet sich Spanien in einer schwierigen Phase: Das Land hat gerade seine letzten Überseebesitzungen verloren, sagt Kuratorin Franziska Stöhr. „Spanien ist damit keine Weltmacht mehr und Spanien muss sich neu definieren. Es geht darum, die eigenen katalonischen Traditionen wiederzubeleben, die Sprache am Leben zu erhalten.“
Organische Strukturen werden zu Architektur
Es ist die Geburtsstunde des katalanischen „Modernisme“: Antoni Gaudí entwickelt aus organischen Strukturen Architekturen und Möbel. Ein Gemälde von Joaquín Mir zeigt seine Sagrada Familia in einem frühen Stadium, mit breiten, lockeren Pinselstrichen liegt die Kirche im flirrenden Sonnenlicht. Der Maler Santiago Rusiñol malt seinen Künstlerfreund Ramon Casas als schlanken Mann neben seinem Fahrrad – Symbol des Fortschritts, vorn am Boden liegen etwas verloren zwei Orangen, eine typisch spanische Frucht.
Der „Modernisme“ sei eine Strömung, sagt Kuratorin Stöhr, „die sich ganz stark auch mit der Tradition und Vergangenheit auseinandersetzt und diese mit neuen Technologien kombiniert“. In der Architektur habe man Gebäude, „die wirklich schon Stahlwerkrahmen haben und dann aber traditionelle Handwerke mit eingebunden haben, wie Metallschmiedearbeiten, Mosaikarbeiten, die wirklich die alten handwerklichen Traditionen hochhalten“.
Kein Stil, sondern eine Strömung
Und so sieht man dann Gemälde, auf denen sich die Formen beinahe auflösen, während andere so gestochen scharf sind wie ein Foto. Wichtig: Der „Modernisme“ ist kein Stil, sondern eine Strömung. Anders als beim Impressionismus oder Expressionismus gibt es keine einheitliche Formensprache: Die Künstler verfolgen dieselben Ziele und Ideen, doch sie behalten dabei ihre eigene Handschrift, malen unterschiedliche Motive auf ganz verschiedene Weise.
Ramon Casas etwa zeigt das Bürgertum der Stadt in hellem Licht mit schillernden Farben, man meint, die glänzenden Seidenstoffe ihrer teuren Kleidung rascheln zu hören. Isidre Nonell hingegen malt die Ausgegrenzten, die Gitanos, in dunklen Farben, am Boden hockend, die Gesichter kaum zu erkennen.
Ein Raum für Pablo Picasso
Diese Vielfalt der Stile in der Stadt hat letztlich niemand Geringeren als Pablo Picasso geformt. Die Ausstellung widmet ihm einen ganzen Raum mit frühen Werken: „Man sieht, wie viel Picasso in dieser Zeit ausprobiert. Er testet wirklich aus, er saugt auf und er ist ein Katalysator – und das zeichnet sein Werk auch in den späteren Jahren aus -, der aufgreift, was existiert, und es dann massiv radikal weiterführt“, sagt Franziska Stöhr.
Sein berühmtes Gemälde „Les Demoiselles D’Avignon“ hat mit Avignon zum Beispiel gar nichts zu tun: Der Titel bezieht sich auf ein Bordell in der Avignonstraße in Barcelona. Die Künstler des katalanischen „Modernisme“ gingen andere Wege als ihre oft bekannteren Avantgarde-Kolleginnen und Kollegen in Paris oder München. Es ist das große Verdienst dieser Schau in der Kunsthalle München, diesen oft übersehenen Weg endlich einmal sichtbar zu machen.

