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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Baustelle Recycling: Baustoffe haben ein Nachhaltigkeitsproblem
Wissen

Baustelle Recycling: Baustoffe haben ein Nachhaltigkeitsproblem

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 26. August 2024 07:17
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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In Memmingen kommt ein Lkw mit Bauschutt bei der Firma Geiger an. Was sonst nur zum Verfüllen von Baugruben taugt, wird hier zu neuem Baumaterial: Beton, Holz oder dreckiger Gleisschotter von der Bahn. „Der Gleisschotter geht in unsere nassmechanische Aufbereitungsanlage, durchläuft verschiedene Prozesse und kommt unten fraktioniert wieder heraus“, erläutert Standortleiter Andreas Dietrich. Fraktioniert, das heißt nach Korngrößen sortiert, um dann in verschiedenen neuen Baumaterialien weiterverwendet zu werden.

Inhaltsübersicht
Abfall oder Rohstoff? Das Image von RecyceltemUnbeschränkte Haftung für FehlerBackpulver gegen die GipskriseDating-App für Baumaterial: It’s a match!

Abfall oder Rohstoff? Das Image von Recyceltem

Das Unternehmen hat die Kreislaufanlage im Juli eröffnet. Sie ist vor allem eine Investition in die Zukunft. Bisher, beklagt die Branche, hätten recycelte Baustoffe ein schlechtes Image. „Ein Problem ist die Akzeptanz in der Öffentlichkeit“, sagt der Wissenschaftler Volker Thome vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Holzkirchen. „Wann verliert ein Abfallstoff seine Abfalleigenschaft? Wann wird es wieder ein Produkt? Das ist leider nicht geregelt.“

Es geht darum, wie ein Recyclingprodukt deklariert werden muss. Ein Baustoff, der „Abfall“ genannt wird, ist weniger attraktiv für Kunden. Selbst wenn sie bei Baustoffen mit Recyclinganteil zugreifen, dann nur bei der allerbesten Materialklasse, heißt es vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe. Minderwertigeres, aber noch ausreichend gutes Material findet kaum Abnehmer.

Unbeschränkte Haftung für Fehler

Holger Seit, Pressesprecher des Landesverbandes Bayerischer Bauinnungen, bestätigt das. Vor allem bei öffentlichen Auftraggebern sei die Akzeptanz gering. Er kritisiert die komplizierten Regelungen, die es Bauherren erschweren, sich für Recyclingprodukte zu entscheiden. Ein technisch geeignetes Material aus dem Abbruch eines Gebäudes könne man nicht einfach so wiederverwenden. Es müssten aufwendige Laboruntersuchungen durchgeführt werden, um keine Schadstoffgrenzen zu überschreiten. „Da reden wir nicht über Gramm oder über Kilogramm, sondern über Milligramm“, so Seit, „Wenn Sie das eingebaut haben und Sie haben einen Fehler gemacht, dann haften sie praktisch unbeschränkt.“

Bei der Firma Geiger gibt man sich optimistischer: „Wir merken, dass Bauherren nicht nur der Preis wichtig ist, sondern zunehmend auch recyceltes Material“, meint Unternehmenschef Pius Geiger. „Ich denke, weil das Umweltbewusstsein größer wird.“

Backpulver gegen die Gipskrise

Ein weiteres Recycling-Material könnte Gips sein. Noch ist genügend davon vorhanden. Ein Großteil kommt als Abfallprodukt aus Kohlekraftwerken, aber die sollen bis 2030 abgeschaltet werden. Dann fehlen Millionen Tonnen Gips. Fraunhofer-Forscher Thome erzählt von einer Pilotanlage, die den im Bauabfall gebundenen Gips wieder zu seinem Ausgangsprodukt machen soll.

„Wir nehmen ein Lebkuchenbackpulver“, erklärt Thome. Chemisch gesehen ein Ammoniumkarbonat, das in eine Austauschreaktion mit dem Gips trete. Am Ende der Reaktion entsteht Kalk, der als Dünger verwendet werden kann oder wieder zu neuem Gips gemacht wird. Schon im kommenden Jahr soll die Anlage gebaut werden.

Noch besser wäre es, Beton nicht zerkleinern, Gips nicht herauslösen zu müssen, sondern ganze Teile von Gebäuden einfach wiederzuverwenden.

Dating-App für Baumaterial: It’s a match!

Wie der Bauschuttaufbereiter aus Memmingen und der Wissenschaftler aus Holzkirchen arbeiten auch beim Thema Wiederverwendung schon Menschen an der Zukunft; eine Zukunft, die bisher noch an überbordenden Regelwerken und fehlenden Anreizen für die Kunden scheitert. Das Unternehmen Concular in Berlin entwickelt eine „Dating-App“ für Baumaterial: Die Software analysiert sämtliche Materialien eines Abrissgebäudes, von der Betonplatte bis zu Holzteilen. Der Computer macht dann ein „Matching“ zwischen Abrissgebäude und geplantem Neubau und zeigt, wo Teile wiederverwendet werden können.

„Wenn man sich das Bauen vor ein paar Jahrhunderten anguckt, dann war das gang und gäbe, Baumaterialien nicht zu entsorgen“, sagt Unternehmenssprecherin Franziska Stein. Das Produzieren von Bauabfall sei eine relativ junge Entwicklung.

Aus alten Häusern sollen wieder neue Häuser werden. So verschwendet man auch weniger graue Energie. Also die Energie, die für Herstellung und Transport von Baustoffen und für das Errichten eines Gebäudes aufgewendet wurde. Aber am ressourcenschonendsten ist es manchmal, ein Gebäude stehenzulassen und zu modernisieren. Dann fällt nämlich am wenigsten Bauschutt an.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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