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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Ich wollte nirgendwo hin“: Thomas Gottschalk „ungefiltert“
Kultur

„Ich wollte nirgendwo hin“: Thomas Gottschalk „ungefiltert“

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 16. Oktober 2024 08:49
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Aufrichtigkeit lässt sich Thomas Gottschalk nicht absprechen. Gleich im Vorwort bekennt er sich zu seinem Berufsmodell „Geschwätz im Radio und dann im Fernsehen“. Im Übrigen werde sein Buch wohl kaum das Leben der Leser erleichtern und sie auch nicht „viel schlauer“ machen. Dem lässt sich nicht widersprechen.

Inhaltsübersicht
„Peinlicher Urvater des Herrenwitzes“„Ich hatte schon damals recht“„Du wirst auf anständige Weise kein Milliardär“„Ich wollte nirgendwo hin“

Nach einem ziemlich unstrukturierten Wortschwall von 317 Seiten – die Kapiteleinteilung erscheint willkürlich – bleibt es bei drei mageren „Erkenntnissen“ des „alten weißen Manns“, so die Selbsteinschätzung des Entertainers, der seine Bekanntheit angeblich nie als „Last“ empfunden hat: Wer sich im Internet äußert, muss mit Gegenwind rechnen. Analoge Alte und digitale Junge leben in verschiedenen Welten. Über Generationskonflikte wurde schon immer gejammert.

„Peinlicher Urvater des Herrenwitzes“

Wem das alles hinreichend bekannt vorkommt, der kann sich die „Erfahrungen und Gedanken“ des prominenten Autors eigentlich sparen und ersatzweise an das Motto halten, das Gottschalk „Ungefiltert“ vorangestellt hat, die berühmte Songzeile von Bob Dylan: „The Times They Are A-Changin'“ Die Zeiten ändern sich, wohl wahr, und die wenigsten Menschen sind bereit, mit diesem Tempo Schritt zu halten, sei es aus Bequemlichkeit oder Überzeugung. Womöglich beschleicht Gottschalk deshalb das ungute Gefühl, sein Buch könnte als „weinerliche Bilanz eines älteren Manns“ missverstanden werden.

Nein, „weinerlich“ schreibt Gottschalk nicht, eher befremdet, mitunter polemisch, manchmal betulich und immer wieder altklug und sentimental, was einem 74-Jährigen ja zusteht. Der „peinliche Urvater des Herrenwitzes“ (Selbstzitat) wundert sich, und zwar auf jeder Seite: über Hochzeitsplaner, über Kritik am Frauenbild in den James-Bond-Filmen, über die Arbeitseinstellung der Generation Z, über neuzeitliche Bedenken gegen den „Zigeunerbaron“, über das Massenphänomen Aperol Spritz und männliche Stripper, über Reality-TV-Stars, über Influencer, die Online-Medien und ihre Gesetzmäßigkeiten.

„Ich hatte schon damals recht“

„Es muss doch jedem klar sein, dass ein Mensch in meinem Alter anders denkt als jemand Mitte zwanzig“, schreibt Gottschalk zutreffend. Aber warum ringt er sich ein ganzes Buch ab, um das zu dokumentieren? Womöglich wegen der Anekdoten-Flut, die seine Fans schätzen werden: Wer weiß schon, dass Gottschalk in einer Autobahnraststätten-Toilette mal von einem Widersacher angepinkelt wurde?

Dass die Katze von Karl Lagerfeld im Privatjet um die Welt jettet, ärgert Gottschalk vor allem deshalb, weil von ihm selbst „Flugscham“ erwartet werde. Er fühlt sich mittlerweile ungerecht behandelt, aus der Zeit gefallen. So nimmt er für sich in Anspruch, zwar ein Fan, aber niemals in seinem Leben ein „Follower“ gewesen zu sein: „Unkritisch nachlaufen wollten wir niemandem.“

„Du wirst auf anständige Weise kein Milliardär“

Es wird seitenlang gejammert und gezetert, aber als „Klage“ will Gottschalk das alles ausdrücklich nicht interpretiert wissen, wenngleich er einräumt, dass das „zügige Ausgemustertwerden“ an seinem Selbstbewusstsein zehre. Es überwiege allerdings die „tiefe Dankbarkeit“: „Ich wurde sowohl im Radio als auch im Fernsehen für meine Auftritte ordentlich bezahlt.“

Zu seiner Verteidigung behauptet Gottschalk, er habe immer dann seine „Klappe gehalten“, wenn er „bei aller Selbstüberschätzung von irgendetwas überhaupt keine Ahnung“ gehabt habe. Mag sein, dass das bisher zu wenigen Leuten aufgefallen ist. Dem Geltungsbedürfnis des Entertainers, der auf allerlei selbst ernannte Experten in Funk und Fernsehen schimpft, entspringen jedenfalls Weisheiten, die jederzeit mehrheitsfähig sind: „Du wirst auf anständige Weise kein Milliardär.“

„Ich wollte nirgendwo hin“

Kitschverdächtig, aber freimütig mutet das Fazit an, er habe im Alter die „Magie von Heimat, Familie und alten Freundschaften“ wiederentdeckt: „Ein entspannter Besuch zu zweit in einer Kulmbacher Gaststätte ist eben etwas anderes als eine Stehparty in Berlin …“. Sein Traumhaus warte in Gräfelfing bei München auf ihn, nicht in Malibu. Da wird der eine oder andere betagte Leser beherzt nach der Heizdecke greifen und sich mit dieser Einsicht gemütlich einrichten.

Alle Achtung, dass Gottschalk zum Finale seiner Glücks-Betrachtungen Aristoteles, Schopenhauer und Heinrich von Kleist bemüht und sich zum philosophischen Paradox bekennt: „Ich wollte nirgendwo hin, also wunderte ich mich auch nicht, wenn ich dort ankam.“

Ob das Buch vergnüglich oder verstörend ist, muss jeder selbst entscheiden. Langweilig ist es nicht. Mehr literarisches Lob wird ein Entertainer womöglich auch gar nicht erwarten.

Thomas Gottschalk: „Ungefiltert: Bekenntnisse von einem, der den Mund nicht halten kann“, Heyne-Verlag, 24 Euro.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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