Ein Blick genügt, und schon ist das Gesicht eines Tatverdächtigen auf Jahre im Hirn gespeichert: So beschreibt ein Regensburger Polizist, der nicht namentlich genannt werden will, seine Fähigkeit als Super-Recognizer. Die Körperform oder -statur der Verdächtigen bekommt er häufig nicht zu sehen. „Nur das Gesicht“, sagt der Beamte. „Bilder aus Videoaufnahmen oder von Überwachungskameras, die ich mir täglich anschaue, speichere ich mir dann im Kopf ab.“ Dank seines herausragenden Gedächtnisses für Gesichter konnte der Regensburger Polizist schon zahlreiche Straftäter überführen.
Super-Recognizer erfassen mehr Informationen in kürzerer Zeit
Was sich im Gehirn eines sogenannten Super-Recognizers abspielt, ist noch weitgehend unerforscht. Entdeckt wurde das Phänomen der Super-Recognizer erst im Jahr 2009. Mehr oder weniger per Zufall, als man Betroffene von Gesichtsblindheit genauer untersuchte. Fest steht: Die Hirne von Super-Recognizern ticken anders. Sie erkennen innerhalb von 70 Millisekunden, was sie sehen und merken sich das, erklärt Neurowissenschaftlerin Meike Ramon von der Berner Fachhochschule: „Dass das bereits 70 Millisekunden nach Reizdarbietung passiert, ist ein sehr deutlicher Indikator dafür, dass diese Fähigkeit mit der visuellen Wahrnehmung zusammenhängt.“
Ungeachtet dessen, ob Super-Recognizer per se ein besseres Gedächtnis haben als andere Menschen oder nicht: Sie verarbeiten Gesehenes anscheinend von Anfang an anders als Nicht-Super-Recognizer. Diese brauchen bis zu 200 Millisekunden, um zu identifizieren, ob sie etwas sehen, was ihrem Gehirn vertraut ist. Für Super-Recognizer wiederum scheint es viel weniger relevant zu sein, ob ihnen ein Mensch, den sie sehen, persönlich bekannt ist oder nicht, sagt die Neurowissenschaftlerin Meike Ramon: „Sie sehen einmal das Bild einer unbekannten Person, und können den Abgleich zu einem anderen Bild, das vielleicht anders belichtet ist, in der die Person älter ist, oder vielleicht geschminkt, viel effizienter durchführen.“
Super-Recognizer sind sehr selten
Wie hoch der Anteil von Super-Recognizern in der Bevölkerung ist, ist schwer zu sagen. Im Internet kursierenden Zahlen zwischen ein und fünf Prozent. Meike Ramon hält diese Zahlen für nicht belastbar. Als Expertin für Gesichtswahrnehmung hat sie fürs Landeskriminalamt Berlin eigens ein Testverfahren entworfen, um die Super-Recognizer unter den Polizeibeamten zu identifizieren. „Wir hatten 18.000 Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamte in Berlin eingeladen, teilzunehmen“, sagt die Forscherin. „Davon haben natürlich nicht alle mitgemacht, aber schlussendlich wurden nach einem halbjährigen Durchlauf, bei dem sukzessive die Aufgabenschwierigkeit erhöht wurden, die ersten 22 ausgewählt.“
Auch der Polizeibeamte aus Regensburg hat einen solchen Test durchlaufen. Dafür geübt habe er nicht. Gesichter kann er sich seit der Kindheit gut merken. Damit passt der Beamte aus Regensburg gut ins Bild. Denn Super-Gesichts-Erkenner ist man qua Geburt, trainieren lässt sich die Fähigkeit nur bedingt. Den Super-Recognizer-Test bei der Bundespolizei machte er auf Vorschlag von Kollegen: „Die haben mich darauf hingewiesen, dass ich immer wieder Fahndungserfolge hatte.“ Auch sein Vorgesetzter habe ihn dazu ermutigt.
Super-Recognizer im Wettbewerb mit KI
Doch weshalb sucht die Polizei gezielt nach Super-Recognizern, wenn es doch mittlerweile KI-gesteuerte Gesichtserkennung gibt? Für Meike Ramon ist die Antwort klar: Super-Recognizer sind bis dato einfach schneller und präziser als Künstliche Intelligenz. Um eine KI zu trainieren, bräuchte es extrem große Datensätze, viel Energie und viel Zeit. Außerdem sei Künstliche Intelligenz leicht zu manipulieren. Eine Sonnenbrille, ein Hut, Schminke – solche Zusätze könnten den Algorithmus leicht durcheinanderbringen. Ein Super-Recognizer dagegen lässt sich nicht so einfach täuschen, und erkennt auch im Gedränge eines vollen Fußballstadions die Person, die es zu finden gilt.

