Payton Ramolla ist „unfassbar gehyped“, wie sie ihre mehr als 1,2 Millionen Follower auf TikTok wissen lässt. Denn: Die Influencerin aus Deutschland fliegt dieses Jahr wieder zum Coachella-Festival nach Kalifornien. Ein Problem gibt es allerdings: „Das letzte Mal, als ich da war […], war ich ja mit einer ‚Brand‘ da. Und dieses Mal fliege ich privat hin.“
Im Coachella-Kosmos heißt, „mit einer Brand da zu sein“, von einem Werbepartner den Festival-Trip bezahlt zu bekommen, wie es auch dieses Jahr wieder viele Influencer aus Deutschland erleben. Weil ihr dieses Jahr niemand den Besuch spendiert, muss die Influencerin Ramolla ihn selbst bezahlen. „Ich weiß gar nicht, ob das den Leuten bewusst ist, wie teuer das Coachella ist.“
Bei 549 Dollar fangen die Tickets an
Wer den Ausflug selbst bezahlt, muss tief in die Tasche greifen: 649 Dollar kostet der billigste Pass für das erste Wochenende, 549 Dollar für das zweite. Im ersten Jahr lag der Eintrittspreis noch bei 50 Dollar. Ramolla spricht damit ein Thema an, das dem Coachella heftige Kritik einbringt: die Preise und der Vorwurf der Kommerzialisierung. Zum Eintritt kommen Anreise, Verpflegung und Übernachtung hinzu. Unterkünfte in der Umgebung sollen während des Festivals teilweise das Dreifache pro Nacht kosten.
Festivals müssen sich entscheiden
Jedes Festival müsse sich an einem gewissen Punkt entscheiden, sagt Matthias Johannes Bauer, Professor für Kommunikationsmanagement an der IST-Hochschule in Düsseldorf mit einem Schwerpunkt auf Festivalmanagement: „Entweder ich möchte wachsen und mein kommerzielles Überleben sicherstellen oder ich versuche, vor allem meinen Wurzeln treu zu bleiben.“
Das Coachella startete 1999 mit der linken Band „Rage against the Machine“ als Headliner. Firmenlogos waren auf der Bühne verboten, sie sollte ganz den Bands gehören. Weil die Erstausgabe ein finanzielles Desaster war, fiel das Festival im Jahr darauf aus. Dann kam 2001 die Rettung durch den US-Milliardär Philip Anschutz und seine „Anschutz Entertainment Group“ (AEG), ein Schwergewicht der Unterhaltungsbranche, das unter anderem die Uber Arena in Berlin betreibt. „Und wenn ein Investor einsteigt, verändern sich Festivals eigentlich immer, weil das Festival dann natürlich Rendite erzeugen soll“, so Bauer.
Das Coachella hat eine Strahlwirkung
Mittlerweile sei das Coachella „eine Art Frühindikator für Entwicklungen, die wir dann auch auf anderen Festivals sehen“, sagt Bauer. „Nur sind sie beim Coachella bis ins Extrem ausgereizt.“ Das gilt auch für Social Media und Handys auf Konzerten. Bauer kann die Kritik verstehen, dass zu viele filmende Handys stören. „Aber sie sind gleichzeitig auch untrennbarer Teil des Festivalerlebnisses geworden.“
Kein zweites Festival hat eine vergleichbare Präsenz auf Social Media. „Es ist plötzlich für Menschen relevant, die gar nicht vor Ort sind. Sie möchten dabei sein, ohne da zu sein.“ Das Festival sei zu einer Art „rotem Teppich“ geworden, der eine Sogwirkung entfaltet und die mediale Öffentlichkeit dominiert. Wie aktuell zum Beispiel der kontrovers diskutierte Auftritt von Justin Bieber, der nach mehrjähriger Pause am vergangenen Wochenende beim Coachella sein großes Festival-Comeback feierte – und auf der Bühne mit Laptop alte Youtube-Videos von sich selbst zeigte.
Vorwurf der Queerfeindlichkeit gegen Anschutz
Die Kommerzialisierung bringt dem Festival seit Jahren Kritik ein. Aber auch der Veranstalter Anschutz geriet 2017 in die Schlagzeilen (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt), nachdem Spenden an Organisationen wie die Alliance Defending Freedom und den Family Research Council publik wurden – Organisationen, denen Queerfeindlichkeit nachgesagt wird. Anschutz wehrte sich gegen den Vorwurf der Queerfeindlichkeit und bezeichnete ihn als „Fake News“. Aber auch nach 2017 spendete er noch an republikanische Politiker wie den ehemaligen Sprecher des Repräsentantenhauses Kevin McCarthy.
„Festivals waren ursprünglich politische Veranstaltungen, wenn man an Woodstock denkt“, sagt Kommunikationswissenschaftler Bauer. Lange galt das Coachella trotzdem als unpolitisch. 2025 jedoch sorgte ein Überraschungsauftritt des linken Senators Bernie Sanders für Aufsehen. Und dieses Jahr hielt die kolumbianische Sängerin Karol G, die als erste weibliche Latina-Künstlerin Headlinerin war, eine emotionale Ansprache an die Fans. „Das ist für meine Latinos, die in diesem Land zuletzt kämpfen mussten. Wir und ich stehen für unsere Latino-Community ein.“

