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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Romankritik: „Sohn ohne Vater“ von Feridun Zaimoglu
Kultur

Romankritik: „Sohn ohne Vater“ von Feridun Zaimoglu

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 13. Februar 2025 12:56
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Ohne ein Mobiltelefon würde gar nichts funktionieren, in „Sohn ohne Vater“ von Feridun Zaimoglu. Immer wieder vibriert und klingelt es im Roman – und überhaupt wird das Erzählen mit einem Anruf, in aller Frühe, in Gang gesetzt. Eine Mutter ruft ihren Sohn im fernen Deutschland an. Sie teilt ihm mit, dass sein Vater gestorben und „zum Gerechten geschritten“ sei. Viele weitere Telefonate der beiden folgen.

Inhaltsübersicht
Kein „Vollzugsorgan der Wirklichkeit“Im Wohnmobil zum Grab des VatersAugenzwinkern und MelancholieZufälle und intime Augenblicke

Kein „Vollzugsorgan der Wirklichkeit“

Feridun Zaimoglu hat die eigene Familiengeschichte zum Ausgangspunkt für seinen Roman gemacht. Auch er ist ein Sohn ohne Vater geworden. „Es wäre für mich äußerst langweilig, wenn ich mich als Vollzugsorgan der Wirklichkeit, meiner Wirklichkeit begreifen würde“, sagt Zaimoglu im Interview. „Immer dann, wenn ich mit meiner Biografie und meiner Wirklichkeit brechen kann – das ist überhaupt ein zweifelhafter Ausdruck – habe ich Lust, mich hinzusetzen und zu schreiben.“

Der Ich-Erzähler in „Sohn ohne Vater“ teilt dennoch einiges mit seinem Erfinder. Wie der Schriftsteller ist er, der sich einmal als Ferdinand vorstellt, unter anderem in München aufgewachsen, als Kind türkischer Eltern, die, versehen mit dem wenig schönen Etikett „Gastarbeiter“, in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen. Er hat eine Schwester. Ebenso hat er Medizin studiert und ist dann zur Literatur gekommen, in der Gegenwart des Romans lebt er, mit eigenen Worten: ein „Schreiberling“, in einer Stadt in Norddeutschland.

Im Wohnmobil zum Grab des Vaters

Der Tod des Vaters führt Zaimoglus Erzähler auch zu einem logistischen Problem: Er leidet massiv unter Flugangst, folglich ist nicht an eine schnelle Reise zum Grab und zur Mutter in der Türkei zu denken. Der trauernde Sohn muss die Strecke in einem Wohnmobil zurücklegen, fast 3.000 Kilometer in eine Richtung. Zwei Bekannte aus Dortmund, die Brüder Aras und Tan helfen ihm, Aras organisiert, Tan fährt ihn quer durch Mittel- und Osteuropa.

Nicht nur dank eines nur als Farbkopie vorliegenden Fahrzeugscheins gestaltet sich die Tour als sehr herausfordernd. Sie wird – kaum überraschend – zur immer wieder berührenden Rückschau, zur Geschichte einer Familie aus Deutschland. „Es ist eine, so könnte man sagen, seltsame Familie“, so Feridun Zaimoglu. „Es ist aber auch eine Familie – Mutter, Vater, Tochter, Sohn – die überhaupt erst zu ihrer Geschichte in Deutschland findet. Es ist eine Familie, die bereichert wurde durch Deutschland.“

Augenzwinkern und Melancholie

Zaimoglu erzählt die Geschichte der Reise zum Grab, und mit ihr verbunden die Geschichte einer Familie, nicht ohne Augenzwinkern. Trotzdem überwiegt ein melancholischer Grundton. Manche der Szenen sind besonders einprägsam, etwa die, wenn sich der Ich-Erzähler an die Kindertage im Münchner Stadtteil Moosach erinnert – und an die aus Erbsenpüree geformten Spielzeugfiguren, die er, in Ermangelung von Freunden, mit in den Hort nahm, als stille Begleiter.

Je näher der Trauernde zum Grab des Vaters kommt, desto fremder wird dieser ihm – irgendwann fragt sich der Sohn, was er überhaupt weiß vom Vater. Die Mutter wiederum, lange ausschließlich am Telefon präsent, tritt mehr und mehr ins Zentrum. Am Ende wird sie selbst zur Erzählerin, ein spannender Kipppunkt.

Zufälle und intime Augenblicke

„Es scheint“, so Feridun Zaimoglu, „als würde der Sohn eine Geschichte erzählen. Aber die Mutter ist es auch, die diese Perspektive immer wieder aufbricht.“ Etliche Zufälle bestimmen derweil den Weg des Trauernden und damit auch Feridun Zaimoglus Roman „Sohn ohne Vater“. Am Ende muss der Reisende eher als geplant zurück nach Deutschland, mit dem Begleiter Tan und im Wohnmobil, noch einmal der ganze lange Weg. Wie der sich gestalten mag, lässt Zaimoglu offen.

Der Ich-Erzähler bricht in aller Herrgottsfrühe auf, am Frühstückstisch weint er still, die Mutter tut es ihm gleich. Ein kleines Bild, das man beinahe übergehen kann. Sollte man aber nicht. In diesem und vielen anderen intimen und unspektakulär geschilderten Momenten zeigt sich die Tiefe von Feridun Zaimoglus Prosa.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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