Ein Ende des Wirecard-Prozesses noch in diesem Jahr ist inzwischen wieder unwahrscheinlicher geworden – aus mehreren Gründen. Brauns Verteidigerin Theres Kraußlach hat am Mittwoch mehrere Beweisanträge vorgelegt.
In einem dieser Anträge sind 75 Personen aufgelistet, die nach Überzeugung der Anwältin noch als Zeugen gehört werden müssten. Darunter befindet sich der seit mittlerweile fast sechs Jahren untergetauchte Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek. Nach Verlesung dieses Antrags deutete Richter Markus Födisch an, dass dann ein Ende des Wirecard-Prozesses nicht vor 2027 vorstellbar wäre.
Nach BR-Recherche – Braun-Verteidigung will zwei Zeugen hören
In einem weiteren Beweisantrag fordert Brauns Verteidigerin die Vorladung des kanadischen Online-Glücksspiel-Moguls Calvin Ayre sowie des norwegischen Investors Christen Ager-Hanssen in den Zeugenstand. Nach Kraußlachs Überzeugung werden die Zeugen „Angaben dazu machen, dass Herr Dr. Braun nicht in die strafbaren Handlungen“ involviert gewesen sei.
Hintergrund der möglichen Vorladung von Ayre und Ager-Hanssen dürfte unter anderem eine Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks sein. Der BR hat im November vergangenen Jahres eine Recherche veröffentlicht, wonach Ayre zuzurechnende Firmen jahrelang Hunderte Millionen über Konten der Wirecard-Bank transferiert haben, häufig auf Konten von Firmen auf der Karibikinsel Antigua, wo Calvin Ayre lebt. Gelder gingen auch auf das Konto einer in Hongkong sitzenden Firma mit dem Namen „Pittodrie“.
Überweisungen nach Hongkong – Geld aus Wirecard-Geschäft?
Während Braun im Prozess lange die These vertreten hat, dieses Geld stamme aus dem Wirecard-Drittpartner-Geschäft und stehe dem Konzern zu, konnten es BR-Reporter nach aufwendigen Recherchen und der Auswertung zahlreicher Kontounterlagen sowie interner Dokumente dem Ayre-Firmennetzwerk zuordnen. Brauns These geriet damit ins Wanken. Ayre hat nach der Veröffentlichung mithilfe mehrerer Anwälte jede Nähe zum Wirecard-Konzern bestreiten lassen und rechtliche Schritte angedroht. Diese sind bis heute, nach mehr als einem halben Jahr, ausgeblieben.
Der norwegische Investor Christen Ager-Hanssen, der kurzzeitig eng mit Ayre zusammengearbeitet hat, sagte im Interview mit dem BR: „Calvin war dafür bekannt, eines der größten Gambling-Unternehmen der Geschichte aufgebaut zu haben. Und durch dieses System floss eine Menge Geld. Das begann über Wirecard zu laufen.“ Ob das Gericht Ager-Hanssen und Ayre vorladen wird, ist offen. Eine Entscheidung über speziell diesen Beweisantrag ist nicht absehbar.
Dreh- und Angelpunkt des Prozesses bleibt weiter eine Frage: Waren Teile des Wirecard-Geschäfts mit ausländischen Drittpartnern frei erfunden? Nach Überzeugung des Insolvenzverwalters und der Staatsanwaltschaft lautet die Antwort darauf: eindeutig ja.
Ex-Wirecard-Vorstandschef Markus Braun hat seit Prozessbeginn wiederholt betont, eine Bande rund um den flüchtigen Jan Marsalek und den ebenfalls angeklagten früheren Wirecard-Statthalter in Dubai, Oliver Bellenhaus, habe die Erlöse aus dem tatsächlich existierenden Drittpartner-Geschäft auf Auslandskonten geschleust und so veruntreut.
„Operation Chargeback“ führt offenbar zu Sinneswandel bei Braun
Die im November vergangenen Jahres unter anderem durch das Bundeskriminalamt publik gemachte „Operation Chargeback“ hat bei Braun offenbar zu einem Sinneswandel geführt. Behörden in Deutschland und in acht weiteren Ländern ermitteln gegen mehrere Betrugs- und Geldwäschenetzwerke, die mit gestohlenen Kreditkartendaten zig Millionen erbeutet haben sollen. Eine wichtige Rolle soll dabei Jan Marsalek gespielt haben. Außerdem haben die Behörden in Singapur wegen der laufenden Ermittlungen erst kürzlich eine ehemalige Wirecard-Managerin nach Deutschland ausgeliefert.
Vor diesem Hintergrund hat Markus Brauns Verteidigung in einem weiteren Beweisantrag hinsichtlich des Drittpartnergeschäfts zwischenzeitlich festgestellt, Marsalek habe dieses bilanzierte Geschäft „fingiert, um keine Aufmerksamkeit im Hinblick auf den wahren Tathergang zu erwecken und unbemerkt Gelder auszuleiten“.
Auch weil das Landgericht München Unterlagen aus dem Verfahren von „Operation Chargeback“ auswerten will, dürfte der Wirecard-Prozess noch länger andauern. Braun habe von diesem Netzwerk genauso wenig Kenntnis gehabt wie von den kriminellen Machenschaften bei Wirecard, betont seine Verteidigung.

