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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Regie-Star Tobias Kratzer: „Am schlimmsten finde ich Halbwissen“
Kultur

Regie-Star Tobias Kratzer: „Am schlimmsten finde ich Halbwissen“

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 23. Oktober 2024 06:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Einen großen Vorteil hat das kleine Dorf Mauern bei Moosburg an der Isar, so Tobias Kratzer: Den Ort, in dem er aufgewachsen sei, könne man nun wirklich nicht zum Maßstab für den „Rest“ des Planeten machen. In dieser Gefahr schwebten manche Kleinstädter, die ihre Heimat aus lauter Lokalpatriotismus für den sprichwörtlichen Nabel der Welt hielten. Kratzer macht aus seiner Herkunft aus der bayerischen Provinz keinen Hehl, korrigiert Gesprächspartner sogar, wenn sie unterstellen, er habe seine Kindheit und Jugend in seiner Geburtsstadt Landshut verbracht.

Inhaltsübersicht
Er nähert sich Hamburg „ethnologisch“„Bei Wagner vorher auf die Toilette“„In München an barocke Tradition andocken“„Wofür kämpfen wir dann noch?“

Er nähert sich Hamburg „ethnologisch“

Von Mauern führte ihn seine Regie-Karriere bis auf den Grünen Hügel nach Bayreuth, wo seine „Tannhäuser“-Inszenierung umjubelt ist. In den nächsten vier Jahren stemmt Kratzer an der Bayerischen Staatsoper in München einen neuen vierteiligen „Ring des Nibelungen“, parallel dazu wird er im kommenden Jahr Intendant der Hamburgischen Staatsoper. Viel Erfolg und viel Abenteuer: „Natürlich nähere ich mich Hamburg jetzt nicht als einer mit den lokalen Gegebenheiten von Kindheitsbeinen an Vertrauter, sondern ethnologisch, könnte man sagen, und das ist ja gar nicht der schlechteste Blick.“

Er habe beim Inszenieren festgestellt, dass er am meisten Erfolg mit den Stücken hatte, mit denen er vorher nicht sonderlich vertraut gewesen sei: „Weil man dann gemeinsam mit und für das Publikum auf eine Expedition in ein neues Land geht.“ Dabei gab es für Kratzer nach eigenen Worten kein „Erweckungserlebnis“, das ihn für die Opernregie begeisterte. Seine Eltern hätten ihn mit allem konfrontiert, was das Leben so biete: „Vom Leichtathletik-Kurs bis zur Opernaufführung. Es gibt da keine krasse familiäre Vorprägung.“ Seinen ersten Opernbesuch in Landshut hat Kratzer übrigens nicht in wegweisender Erinnerung: So spektakulär sei der „Freischütz“ rückblickend keineswegs gewesen.

„Bei Wagner vorher auf die Toilette“

Gefragt, was Besucher seines „Rheingolds“ an der Bayerischen Staatsoper beachten sollten, antwortet Kratzer augenzwinkernd: „Ich würde sagen, vorher auf die Toilette gehen und was essen und trinken, weil es zweieinhalb Stunden dauert. Die Zeit vergeht aber wie im Fluge. Ich habe schon den Anspruch bei den meisten meiner Inszenierungen, dass sie sowohl dem Neuling einen spannenden Abend bieten sollen wie dem Erfahrenen. Eine besondere Vorbereitung erfordert das nicht. Am schlimmsten finde ich Halbwissen.“ Er diskutiere gerne entweder mit „richtigen Experten“ oder mit „komplett Unbeleckten“.

„In München an barocke Tradition andocken“

Anders als die meisten Regie-Kollegen interessiert sich Kratzer beim „Ring“ weniger für die Kapitalismus-, sondern mehr für die Religionskritik. Richard Wagner habe schließlich nicht Karl Marx, sondern in erster Linie den damals modischen Radikal-Philosophen Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) gelesen, übrigens auch ein gebürtiger Landshuter. Daher wird der Regisseur Götter zeigen, die sich wegen ihrer Unsterblichkeit fürchterlich langweilen und kaum zu irgendeiner Tätigkeit aufraffen können – wer unendlich Zeit hat, braucht auch nicht nach dem „Sinn des Lebens“ zu fragen und kann sich immer wieder korrigieren.

Nicht von ungefähr verweist Kratzer ausgerechnet in München auf das Thema Religion: „Wie ich Werke interpretiere, hängt oft mit dem Ort zusammen, an dem ich diese Werke zeige. Ich habe das Gefühl, in München dockt man an eine große barocke Tradition mit historischen Glaubenswelten an.“

„Wofür kämpfen wir dann noch?“

Als Intendant wird sich Kratzer künftig nicht nur mit künstlerischen, sondern auch mit kulturpolitischen Fragen zu beschäftigen haben. So lässt er den Einwand nicht gelten, Musiktheater sei nur etwas für Senioren: Auch über 60-Jährige hätten Anspruch auf Unterhaltung. Gleichwohl müsse Oper den Anspruch haben, ein diverseres Publikum zu erreichen, quer durch alle Altersgruppen. Zur derzeitigen Debatte über Einsparungen in der Kultur auf allen Ebenen, vom Bund bis zu den Kommunen, verweist Kratzer auf ein (unbelegtes, aber nachgesagtes) Zitat des britischen Premierministers Winston Churchill. Der habe im Zweiten Weltkrieg Forderungen nach Streichungen im Kulturetat mit der Frage quittiert: „Wofür kämpfen wir dann noch?“

Tobias Kratzer räumt ein, dass es eine „Krux“ seines Berufsstandes sei, immer wieder dieselben, rund vierzig populären Opern auf die Bühnen bringen zu müssen. Gerade viele Opern-Neulinge freuten sich allerdings auf die „Hits“ des Kernrepertoires: „Die Überforderung der Opernhäuser im vergangenen Jahrhundert durch die zunehmende Konzentration auf neue Interpretationen der immer gleichen Stücke ist etwas, was ihnen auf die Dauer die Energie abzudrehen droht.“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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