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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Regisseur Simon Verhoeven: „Traurigkeit ist auch in Ordnung“
Kultur

Regisseur Simon Verhoeven: „Traurigkeit ist auch in Ordnung“

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 2. Februar 2026 13:49
Von Uta Schröder
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6 min. Lesezeit
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Die Roman-Reihe „Alle Toten fliegen hoch“, in der Schauspieler Joachim Meyerhoff sein eigenes Leben verarbeitet, geht in die nächste Runde: Regisseur Simon Verhoeven hat den dritten Band „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ verfilmt. Der Film erzählt von Meyerhoffs Schauspielstudium in München. Im BR-Interview spricht Verhoeven über sein neues Werk und erzählt, was einen guten Schauspieler auszeichnet.

Inhaltsübersicht
„Sie zelebrieren ihr Leben auch durch den Alkoholgenuss“„Ich hab oft gedacht, ich bin im Irrenhaus“

BR: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“: ein Goethe-Zitat aus dem Werther. Welche Lücke ist denn da gemeint bei Joachim Meyerhoff?

Simon Verhoeven: Ich denke, es sind viele Lücken gemeint. In erster Linie geht es um den Verlust des geliebten Bruders. Aber ich denke, Joachim Meyerhoff meint alle Lücken. Er meint auch unerfüllte Wünsche im Leben, den Verlust von Menschen, den Verlust von Träumen, den Verlust von Lebensvisionen vielleicht. Wir alle müssen uns verabschieden. Mein Vater ist gestorben vor zwei Jahren, deswegen konnte ich mich diesem Buch jetzt vielleicht auch mit einer anderen Tiefe widmen. Es geht nicht darum, diese Lücken zu füllen, es geht darum zu lernen, mit den Lücken zu leben.

Was hilft gegen den Verlust? Hilft traurig sein?

Ja, das ist ja auch eine Kunst, einfach zuzulassen, dass man traurig ist. Die Kunst von Joachim Meyerhoff ist es, immer den Humor zu finden, die Zuversicht, die Wärme, die Menschlichkeit und darum ,Trost zu finden, in diesen saukomischen Szenen, die sich abwechseln mit den berührenden Szenen, also alles überlagert sich ja bei ihm immer. Aber klar, der Film hat eine Traurigkeit auch und ich finde, Traurigkeit ist auch in Ordnung. Man kann nicht nur verdrängen, man kann nicht immer gut drauf sein, was heutzutage auch in Social Media zelebriert wird, schaut mein schönes Leben an, schaut wie ich aussehe, die Urlaubsbilder, die da geteilt werden. Die Traurigkeit, die wir alle empfinden beim Verlust von Menschen oder auch beim Verlust von Lebensträumen, das ist auch etwas, was uns alle verbindet und menschlich macht. Und der Film hat versucht, das zu zeigen und gleichzeitig auch Humor zu finden, weil das verbindet uns ja zum Glück auch.

„Sie zelebrieren ihr Leben auch durch den Alkoholgenuss“

Der Film ist eine Liebeserklärung an dieses Großelternpaar, dessen Tage vom Alkohol strukturiert werden, beginnend mit dem morgendlichen Schnaps-Gurgeln mit Runterschlucken. Besetzt haben Sie Inge und Hermann mit ihrer Mutter, mit Senta Berger und mit Michael Wittenborn. Wie blicken Sie auf dieses doch recht skurrile Paar?

Ich blicke auf das Großelternpaar sehr liebevoll, aber nie mit einem sentimental kitschigen Blick. Also das sind keine total netten Großeltern, sondern die sind auch schräg und die streiten sich auch mal furchtbar und die sagen auch Sachen, die nicht nur nett sind. „Du bist eine schreckliche Frau“, sagt Hermann nicht nur einmal, aber sie lieben sich über alles und sie finden immer wieder zueinander und sie zelebrieren ihr Leben auch durch den Alkoholgenuss, das muss man so sagen. Andere Leute enden im Chaos durch Alkohol, diese beiden Großeltern finden Struktur durch Alkohol.

Eine weitere Hauptfigur in dem Film ist die Villa. Da sind so viele Fotos und Farben und Stoffe und man merkt, dass die da schon sehr, sehr lange drin wohnen, die beiden.

Ja, wir haben sehr viel Energie aufgewandt, um dieses Haus detailliert auszustatten. Ich wollte Details zeigen, weil dieses Haus ist voller schöner Widersprüche, da ist die wunderschöne Vase, aber daneben steht ein Blutdruckmessgerät oder eine wunderbare Kommode, auf der steht eine Taschenlampe, aber man weiß nicht, warum diese Taschenlampe da steht. Also diese kleinen Schrägheiten des Hauses, die Meyerhoff schon liebevoll erzählt hat, waren mir wahnsinnig wichtig.

„Ich hab oft gedacht, ich bin im Irrenhaus“

Joachim Meyerhoff hat damals an der Otto-Falkenberg-Schule Schauspiel studiert. Sie selbst haben eine Schauspielausbildung gemacht, Sie sind Sohn einer Schauspielerin. Ich habe gelesen vom „ausbildungsbedingten Ich-Zerfall“, also davon, dass jemand, der Schauspiel studiert, sich selbst irgendwie zerlegen muss. Was davon ist denn wirklich nötig bei einer Schauspielausbildung?

Das ist eine gute Frage. Manchmal ging es mir persönlich zu weit auf der Schauspielschule. Manche Übungen leuchten mir auch nach Jahren noch nicht ein. Ich hab oft gedacht, ich bin im Irrenhaus, auf gut Deutsch. Es sind manchmal auch Leute zu sehr aufgegangen in diesem Zerfließen in Emotionen und Traumata Beschwören und noch mal Weinen. Die haben dann wunderbar all diese Emotionen rauslassen können, aber sie waren trotzdem keine guten Schauspielerinnen oder Schauspieler. Da geht es noch um ganz viel anderes. Um Handwerk, um Technik, ob man Timing hat, wie man spricht, wie man einen Satz füllt, was darunter liegt.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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