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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Schönheit, Forschung, Grusel: „Der Anatom“ von Gabriel von Max
Kultur

Schönheit, Forschung, Grusel: „Der Anatom“ von Gabriel von Max

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 2. November 2024 13:50
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen verfügen über mehr als 30.000 Kunstwerke. Aber nicht alle werden auch gezeigt. Zum Beispiel „Der Anatom“ von Gabriel von Max, derzeit im Depot der im Umbau befindlichen Neuen Pinakothek. Spannend ist das Gemälde, weil sein Inhalt exakt am Scheidepunkt zwischen Geisterglaube auf der einen Seite und moderner Wissenschaft auf der anderen liegt.

Inhaltsübersicht
Künstler, Wissenschaftler, GeisterbeschwörerDie flatterhafte SeeleStreit um Max‘ Anwesen

Der Anatom, ein Wissenschaftler, wird gleich die Schönheit des Mädchens mit seinem Skalpell zerschneiden, zerstören. Doch noch zögert er in Denkerpose. Auf dem Tisch links hinten liegen Schriftstücke. Auf ihnen befinden sich zwei Schädel: ein menschlicher und der eines Menschenaffen. Hier versteckt der Maler ein Hauptthema des Gemäldes: Es geht um die Evolutionstheorie des Charles Darwin, dass die Menschheit von den Affen abstammt. Im 19. Jahrhundert, als das Bild entsteht, ein hochumstrittenes Politikum.

Künstler, Wissenschaftler, Geisterbeschwörer

Der Maler des Werks, Gabriel von Max, wurde 1840 in Prag geboren. Für seine Studien kam er über Wien nach München, wo er bei dem weltberühmten Historienmaler Karl Theodor von Piloty studierte. Max war ein großartiger Künstler: Wie exakt er Gesicht und Oberkörper der Leiche malt! Gleichzeitig hüllt er den Rest der dunklen Szenerie in ein Sfumato, einen gewissen Dunst aus Farbschichten.

Gabriel von Max war aber auch Wissenschaftler im Dienst des Darwinismus. Dazu veranstaltete Max in seiner Münchner Wohnung und in seiner Villa am Starnberger See auch spiritistische Sitzungen. Mit Hilfe von medial talentierten Menschen wurde Kontakt zum Totenreich hergestellt.

Die flatterhafte Seele

Es sieht aus, als würde die tote Frau gleich wieder aufstehen von der Totenbahre. Tatsächlich gibt es von Max Zeichnungen, in denen er – nur halb zum Spaß – auf dem Seziertisch wieder erwachende Tote skizzierte. Der Maler glaubte fest an Seelenwanderung. Auf dem Gemälde „Der Anatom“ wird der entwichene Lebensgeist des Mädchens durch den kleinen Nachtfalter auf der Totenbahre symbolisiert.

Die Skrupel des Anatomen teilte Gabriel von Max weniger. Er lebte mit seiner Familie in München und in Ammerland am Starnberger See mit Rhesus- und Berberäffchen zusammen, die er nach ihrem Tod auch sezierte. Seine Gemälde mit den Tieren in menschlichen Posen und Rollen sind bis heute die erfolgreichsten auf dem Kunstmarkt.

Streit um Max‘ Anwesen

Was denkt nun der Anatom aber wirklich auf dem Gemälde? Das kann man wörtlich wiedergeben. Der Text steht auf den Papieren auf dem Tischchen hinter der jungen Frau. Ein Praktikant der Staatsgemäldesammlungen hat sich einmal die Mühe gemacht, die verschnörkelte Schrift zu entziffern:

„Wir tauschen die alte Poesie des Wunders an die neue Poesie der Gesetzmäßigkeit. Die Personifikation übernatürlicher Eingriffe an die Verehrung einiger göttlicher Kräfte, die in einer ungetrübten Naturordnung walten. Das Wohlgefallen unseres Gefühls an die Befriedigung höheren geistigen Bedürfnisses. Ist dieses ein wahrhafter Gewinn? Wir werden antworten, dass das Wahre immer auch das Gute und Schöne ist.“ Text im Gemälde „Der Anatom“

Die Befriedigung höheren, geistigen Bedürfnisses, sprich die Wissenschaft, wird also letztlich den Sieg davontragen. Zu den Geisterbeschwörungen geriet Max aus Interesse: In Ammerland hatte er einen schillernden Nachbarn: Albert Freiherr von Schrenck-Notzing, Vater der Parapsychologie.

Heute steht das Haus am Ufer des Starnberger Sees leer. Ein Konflikt zwischen Denkmalschutz und kommerziellem Interesse. Immer wieder kann man Stimmen vernehmen, dass es dort spuke. Indes war Gabriel von Max ja mehr Künstler und Wissenschaftler als Geisterbeschwörer. Seine große Mumiensammlung liegt längst im Museum in Mannheim.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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