Was ist das eigentlich, ein „wagnerianischer Moment“, ein Augenblick der emotionalen Überwältigung? Ist das der rasante Walküren-Ritt, bei dem das Premierenpublikum zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele vor Begeisterung jubelte, weil die Walküren in einer Filmeinspielung durch Münchens Innenstadt reiten? Oder ist es ein farbenprächtiger bayerischer Almabtrieb, den der amerikanische Künstler Jeff Coons nach eigenen Worten als „wagnerianisch“ erlebte, weil er ihn an die Fruchtbarkeit der Natur und die damit verbundenen Leidenschaften erinnerte?
Wagners Musik ist jedenfalls immer nah an der Ekstase, was ihn für viele verdächtig macht, ja sogar gefährlich, was seinen notorischen Antisemitismus betrifft. Ausgerechnet mit Wagners „Walküre“ die diesjährigen Münchner Opernfestspiele zu eröffnen, ist wegen der aktuellen Schlagzeilen unvermittelt zu einer zwiespältigen Angelegenheit geworden, schließlich ringen die Bayreuther Festspiele zu ihrem 150. Geburtstag gerade mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit.
„Dinge auch mal kritisch reflektieren“
Bayerns Kunstminister Markus Blume: „Wagner braucht kritische Reflexion. Man kann die Augen nie schließen vor der Geschichte, und gerade wenn man aus der Geschichte etwas lernen will und das ‚Nie wieder‘ an anderer Stelle hochhält, ist es wichtig, diese Dinge auch mal wieder kritisch zu reflektieren.“
Nun ist der Gedanke absurd, jede Wagner-Aufführung mit einem Warnhinweis zu versehen, weil der Komponist ein rabiater Antisemit war und sich in einigen seiner Werke an judenfeindlichen Klischees abgearbeitet hat. Aber braucht es nicht doch mehr kritische Distanz zu diesem Schöpfer einer Kunstreligion?
„Denkmuster, die zu Antisemitismus führen“
„Kunst ist immer ein Kind ihrer Zeit und es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass Wagner bekennender Antisemit war“, so Blume: „Ich finde im übrigen auch die Inszenierung der ‚Walküre‘ von Tobias Kratzer nicht unkritisch. Es wird sich sehr kritisch auseinandergesetzt mit Kult, mit Ideologie, mit einer Machtordnung, die dominant ist, die Menschlichkeit vermissen lässt. Das sind alles Denkmuster, die dann auch zu diesem Antisemitismus von Wagner führen.“
Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle gehört bei der „Walküre“ zu den Premierengästen. Über das Hin und her mit einer Gedenkveranstaltung in Bayreuth zeigte er sich erheblich irritiert und erwartet grundsätzlich mehr Auseinandersetzung mit dem Komponisten: „Über Wagner muss gesprochen werden, das ‚Judentum in der Musik‘ ist eine der ganz üblen, frühen Hetzschriften des modernen Antisemitismus. Auf der anderen Seite steht der überragende Künstler. Ich habe mit Wagner, umso mehr ich mich mit den Themen beschäftige, ein sehr, sehr großes Problem, weil die Rolle dieser Schmähschrift, die ja zunächst anonym und dann später mit seinem Namen versehen veröffentlicht wurde, ein Markstein im deutschen Kultur- und Sprachraum war.“
„Ginge es nicht auch kürzer?“
Tobias Kratzer, der Regisseur der „Walküre“, wurde für seine Inszenierung gefeiert. Dort geht es vor allem um Religion und die Frage, wann aus ihr Ideologie wird, wann die Götter womöglich an sich selbst irre werden: „Ich glaube, egal was man mit Wagner macht, muss man immer beides im Hinterkopf behalten. Zum einen muss man wissen, wo er interessant, anschlussfähig und vielleicht auch in seinen Utopien durchaus bedenkenswert ist. Und man muss sich immer auch darüber im Klaren sein, dass das ein unglaublicher, nicht nur zeitverhafteter, sondern teilweise auch widerwärtiger Komplex von Antisemitismus ist.“
Was Bayreuth betrifft, steht dort in diesem Jahr erstmals „Rienzi“ auf dem Spielplan, angeblich Hitlers Lieblingsoper, in der es um einen umschwärmten römischen Volkstribun geht, und im Übrigen eines der längsten Werke von Wagner.
Minister Markus Blume ist darauf eingerichtet: „Natürlich muss man ehrlicherweise sagen, es gibt auch bei Wagner Werke, wie wir dieses Jahr in Bayreuth erleben werden, ‚Rienzi‘, die die Kondition noch mal ganz neu auf die Probe stellen. Es fragen sich natürlich viele, ginge es nicht auch kürzer. In der heutigen Instagram-Welt, wo alles in 90 Sekunden-Häppchen passiert, da ist das schon eine besondere kulturelle Herausforderung.“
Wagner dürfte zumindest hierzulande der umstrittenste Komponist des 19. Jahrhunderts bleiben. „Wagnerianische Momente“ halten die einen ja für erhebend und mitreißend, andere für aufputschend und hysterisch. Für Mäßigung ist dazwischen wenig Raum.

