Als Manuel im Jahr 2020 nach persönlicher Weiterentwicklung sucht, fühlt er sich unzufrieden mit sich selbst. „Ich war immer der Stille, der Schüchterne. Das hat mich gestört, denn ich wollte eigentlich anders sein“, sagt der heute 28-Jährige.
Er stößt auf die Angebote des selbst ernannten „Transformations-Coachs“ Markus Streinz. Was wie eine Chance wirkt, entwickelt sich für ihn zu einer kostspieligen und bitteren Erfahrung. Rund 30.000 Euro investiert er in Markus Streinz und seine „Liberator Academy“. Eine Entscheidung, die Manuel heute bereut.
Viele Coaching-Angebote, wenig Kontrolle
Ein zentrales Problem: Die Berufsbezeichnung „Coach“ ist in Deutschland nicht geschützt. Jede Person kann sich so nennen, unabhängig von Ausbildung oder Qualifikation. Nach Angaben des Deutschen Coaching Verbands (externer Link) gibt es rund 14.000 professionell ausgebildete Coaches in Deutschland. Gleichzeitig seien etwa dreimal so viele selbst ernannte Coaches aktiv.
Dass der Markt wächst, zeigt auch die „2025 ICF Global Coaching Study“ (externer Link). Demnach erwirtschafteten Coaches weltweit 5,34 Milliarden US-Dollar – fast doppelt so viel wie 2023, als der Umsatz noch bei 2,85 Milliarden US-Dollar lag. Doch mit dem Wachstum nimmt auch die Unübersichtlichkeit für Verbraucher zu.
Coaching-Anspruch auf die einzige Wahrheit
Ein Warnsignal für unseriöse Coaching-Angebote sind Gruppen und Personen, die für sich exklusives Wissen beanspruchen, sagt Bianca Liebrand von der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen. „Oft wird vermittelt, dass nur die eigene Gruppe den richtigen Weg kennt“, sagt sie. Zweifel würden schnell als persönliches Versagen interpretiert.
Auch Manuel erinnert sich an Situationen, in denen seine Fragen ins Leere liefen. Bei einem Retreat mit dem Coach auf Mykonos habe er die angekündigte intensive Betreuung vermisst. Statt Antworten habe er erlebt, dass Kritik umgedeutet wurde: „Du bist zu sehr im Kopf. Deine Themen kommen vom Kopf“, sei ihm gesagt worden. Die Verantwortung sei ihm selbst zugeschoben worden.
Für Fachleute ist das ein Warnsignal: Seriöses Coaching zeichnet sich durch Offenheit, Reflexion und das Zulassen von Widerspruch aus, nicht durch Deutungshoheit über die einzige gültige Wahrheit.
Bedenklich: Kritik am „Meister“ unerwünscht
Problematische Coachings seien zudem häufig stark auf einzelne Führungspersonen ausgerichtet, sagt Liebrand. „Diese charismatischen Führungspersönlichkeiten stehen oft über Kritik.“ Kritik werde in dem Fall nicht mehr als normaler Bestandteil von Entwicklung verstanden, sondern als Angriff auf die Gemeinschaft oder ihre Führung.
Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke warnt in diesem Zusammenhang vor dem Phänomen des „Groupthink“. In geschlossenen Gruppen entstehe ein hoher Konformitätsdruck, abweichende Sichtweisen würden zunehmend ausgeblendet oder abgewertet. Seriöse Coaches hingegen fördern Einordnung, Eigenverantwortung und den Blick von außen.
Kontaktabbruch: Wenn Familie und Freunde zum Feind werden
„Ich habe geschrien, ich habe geschimpft, ich war sehr kalt gegenüber meiner Mutter, ich hab’ mich zurückgezogen, weil es auch so von Markus Streinz propagiert wird“, erzählt Manuel. Sein Verhältnis zur Familie habe sich während der Coaching-Zeit deutlich verändert, insbesondere der Kontakt zur Mutter sei belastet gewesen.
Problematisch wird es nach Einschätzung von Bianca Liebrand, wenn das persönliche Umfeld zunehmend an Bedeutung verliert. In manchen Angeboten würden Angehörige als Hindernis auf dem eigenen Entwicklungsweg dargestellt. Dadurch kämen Kontakte oft zum Erliegen, während die Bindung an die Gruppe oder deren Führungsperson wachse.
Warnsignale unbedingt ernst nehmen
Heute spricht Manuel öffentlich über seine Erfahrungen. Rückblickend erkenne er sehr viele Warnsignale: „Eine große Red Flag war, dass auch Gewaltvorwürfe gegen den Anführer Markus Streinz im Raum standen.“
Weitere Vorwürfe stehen im Raum
Mit den Vorwürfen „Gewalt, Manipulation und mögliche Sektenstrukturen“ wurde Markus Streinz im Vorfeld der ARD Wissen Doku konfrontiert. Bis zur Fertigstellung der Dokumentation erhielt der BR keine Stellungnahme. 2022 zeigte eine damalige Geschäftspartnerin Streinz in Deutschland an, weil er sie gewürgt haben soll.
Ein Jahr später erstattete eine Ex-Freundin von Markus Streinz Anzeige wegen Körperverletzung. Beide Verfahren wurden aus Mangel an Beweisen eingestellt. Eine weitere Frau brachte eine Anzeige wegen Vergewaltigung ein, zog sie aus Angst vor Streinz und den geringen Aussichten auf Erfolg aber wieder zurück. Die Staatsanwaltschaft Celle prüft derzeit, ob weitere Ermittlungen gegen Streinz und die Liberator Academy eingeleitet werden. Es gilt die Unschuldsvermutung.

