Zunächst ist Christian Tornau skeptisch. Stehen auf diesen Handschriften aus dem 12. Jahrhundert, die in einem polnischen Kloster gefunden wurden, tatsächlich bislang unbekannte Predigttexte des antiken Kirchenlehrers Augustinus? Solche Funde gibt es, sie sind aber selten. „Das kommt so alle 15 bis 20 Jahre mal vor“, sagt Tornau.
Handschrift aus 12. Jahrhundert von antikem Prediger?
Plagiat oder fälschliche Zuschreibung? Darüber brütete der Latinist an der Universität Würzburg gut ein Jahr lang, nachdem ihm der Zufallsfund im polnischen Kloster Pelplin digital übermittelt wurde. Dass Augustinus in der Antike lebte, die Handschrift aber erst auf das 12. Jahrhundert datiert ist, spräche jedenfalls erstmal nicht dagegen: Schließlich sei es Usus gewesen, dass Originale über die Jahrhunderte abgeschrieben und tradiert wurden. Und dann steht auf dem mittelalterlichen Pergament sinngemäß: „Predigt des Augustinus“.
Letzteres wiederum hieße nicht allzu viel: „Denn es gibt im Mittelalter ja hunderte von Predigten, möchte ich beinah sagen, die in den Handschriften Augustinus zugewiesen sind – aber nicht von ihm stammen“, erklärt Tornau.
Papst Leo XIV. zitiert mutmaßlichen Urheber gerne
Denn der im heutigen Algerien tätige Bischof ist an der Schwelle zum fünften Jahrhundert ein einflussreicher Prediger und frühchristlicher Lehrer – so sehr, dass sich später sogar Geistliche mit einem Orden in seine Tradition und Schule stellen: die Augustiner. Auch der aktuelle Papst Leo XIV. gehört den Augustinern an. „Er lässt ja in seine Predigten immer wieder Augustinus einfließen“, sagt der Würzburger Augustiner Michael Clemens. Insofern dürfte sich auch der Papst für den Fund, dessen Rätsel Christian Tornau knacken soll, interessieren – sofern er denn echt ist.
„Genau das ist der springende Punkt“, sagt Latinist Tornau. „Man kann recht schnell feststellen, dass ein Text unbekannt ist, aber ihn dann Augustinus zuzuweisen, das ist eine andere Sache.“ Längst arbeitet die Altphilologie nämlich mit Datenbanken, mittels derer sich neu gefundene Handschriften per Stichwortsuche mit bereits identifizierten und digitalisierten Texten abgleichen lassen.
Gibt es keinen Treffer, fängt die eigentliche Kärrnerarbeit an – so wie in diesem Fall: Bei zwei der vier Predigttexten gab es keine Übereinstimmungen. Tornau und ein Kollege prüfen die beiden Predigten auf Herz und Nieren, Sprache, Wortlaut, Stil und Rhetorik – und um ganz sicher zu gehen, lädt er im Herbst 2025 zu einer Fachtagung mit 20 anderen Latinisten nach Wien, um die Echtheit zweifelsfrei festzustellen. Nun teilte die Uni mit: Die beiden bislang unbekannten Texte sind echt.
„Gibt nichts, was nicht von Augustinus sein könnte“
„Es gibt nichts in diesen Texten, was nicht von Augustinus sein könnte“, sagt Tornau. Stil und Gedankenwelt sprächen ganz und gar für Augustinus. „Und wenn das so ist, dann spricht nichts dagegen, es auch Augustinus zuzuweisen.“
Inhaltlich geht es um eine Auslegung einer alttestamentlichen Bibelstelle, in der sich Saul, der erste König Israels, an eine Hexe wendet, die den Geist des verstorbenen Propheten Samuel für die Gunst des Königs gewinnen soll – weil Gott dessen Gebete nicht erhört. Die Erzählung sei theologisch durchaus tiefsinnig: „Warum kann eine Totenbeschwörerin den Geist eines Propheten rufen? Das eröffnet wiederum das Theodizee-Problem: Wie kann ein allmächtiger Gott das zulassen oder ist er gar nicht wirklich allmächtig?“, sagt Tornau.
Augustinus-Expertin: „Echter Glücksfall“
Für Augustinus-Expertin Carolin Oser-Grote vom Zentrum für Augustinus-Forschung ist klar, dass der Kirchenvater mit Totenbeschwörung so seine Probleme gehabt haben dürfte. „Aber ich denke, dass gerade diese Erzählung mit ihren okkulten Praktiken ein sehr geeignetes Predigtthema war, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln“, sagt Oser-Grote. Und da zeige sich in dem Textfund eben auch die rhetorische Raffinesse des nordafrikanischen Bischofs – „ein echter Glücksfall und ein wirklicher Mehrwert für die Augustinus-Forschung“, so die Augustinus-Forscherin.
Und das, obwohl die Forschung bereits mehr als 600 originale Augustinus-Predigten kennt. Augustiner Michael Clemens ist ehrlich: „Ich habe nicht alle gelesen.“ Die beiden Neuentdeckten, die bis Jahresende editiert vorliegen sollen, will er aber lesen – so wie auch Papst Leo XIV., ist der Augustiner überzeugt.

