Es sind winzige Details. Aber dass die junge Staatsanwältin Seyo Kim sich nicht völlig in das manchmal befremdlich konservative deutsche Rechtssystem fügen will, erkennt man gleich.Sachliches Auftreten und Juristendeutsch sitzen so perfekt wie ihr bis oben zugeknöpftes weißes Hemd. Die gepiercte Ohrmuschel und die Ringe am Daumen jedoch sind Indizien minimal-invasiven Aufbegehrens. Das sich bald potenzieren wird.
Denn als auf die Deutsch-Koreanerin ein Anschlag verübt wird und die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Täter und dessen rechtes Netzwerk schleppend bis gar nicht vorangehen, geht Seyo Kim in die Offensive. Sie bringt ihren Fall vor Gericht, tritt als Nebenklägerin auf – und ermittelt im Verborgenen gegen die eigene Behörde, in der sich die Hinweise auf strukturellen Rassismus verdichten.
Urteilt der Justizapparat objektiv?
Es ist ein bedrückendes Szenario, das Regisseur Faraz Shariat und Drehbuchautorin Claudia Schaefer in dem politischen Thriller „Staatsschutz“ entwerfen. Auch, weil diese in Ostdeutschland angesiedelte Realfiktion inspiriert ist von Fällen der jüngeren deutschen Vergangenheit: dem NSU-Prozess, dem Staatsversagen nach den Hanau-Morden im Jahr 2020, dem bis heute ungeklärten Tod von Oury Jalloh in einer Polizeizelle in Dessau.
Im Zentrum steht die Frage, ob der Justizapparat noch objektiv urteilt oder – auch angesichts der wachsenden AfD-Präsenz in Parlamenten und Behörden – auf dem rechten Auge blind ist. Ein Vorwurf, der im Film wiederholt mit dem Argument abgewehrt wird: „Man nennt uns nicht ohne Grund die objektivste Behörde der Welt. Und das wollen wir auch bleiben.“ – „Natürlich. Es tut mir sehr, sehr leid.“
Zynisch ist diese Antwort von Hauptfigur Seyo Kim, die sich mit fortschreitender Handlung von ihren Kollegen und ihrer braven Existenz als Staatsanwältin distanziert. Sie schwankt permanent zwischen Wut und Verzweiflung, macht einen Waffenschein, kauft sich einen mattschwarzen Dodge Challenger, und röhrt mit diesem uramerikanischen Muscle Car über die Landstraßen, als wäre sie Batman auf der Jagd nach korrupten Cops.
Eine fürs deutsche Kino ungewöhnliche Hauptfigur
Für deutsche Kinoverhältnisse ist diese Hauptfigur ungewöhnlich, auch durchaus ambivalent. Denn sie überschreitet Grenzen, greift bei ihren Ermittlungen zu illegalen Methoden, bringt Freunde in Gefahr. Gleichzeitig ist die Genre-Überhöhung zum comic-ähnlichen Racheengel ohne Superkräfte ein weiterer Aspekt, der „Staatsschutz“ von der oft mutlos-biederen Masse deutscher Filmproduktionen abhebt.
Auch wenn es einige diskussionswürdige Punkte an „Staatsschutz“ gibt – vom unterschwelligen behördlichen Generalverdacht und der Selbstjustiz hin zu Szenen, in denen das Pathos die Oberhand gewinnt und dem Regisseur seine sonst so kontrolliert-sachliche Inszenierung aus den Händen gleitet: Dieser Film hat Eier. Die Protagonistin sowieso. Was auch Chen Emilie Yan vom Stadttheater Ingolstadt zu verdanken ist, die in ihrer ersten Leinwand-Hauptrolle schlichtweg umwerfend ist.

