Egal ob Michael Jackson, Bruce Springsteen oder Bob Dylan. Biopics im Kino erzählen immer die gleiche Story: Kindheit, Rückschläge, Schattenseiten des Erfolgs. All das gipfelt in einem Grande-Finale vor zehntausenden Fans. Johanna Kleive von der norwegischen Black Metal Band Witch Club Satan beschäftigen zum Glück ganz andere Themen. Diese Musikerin fragt sich zum Beispiel, warum sich Männer eigentlich vor der Periode ekeln.
„Hex“ erzählt Geschichte von Witch Club Satan
Die neue Doku „Hex“ zeigt Johanna in einer Szene am Schlagzeug. Auf der Bassdrum liegt ein Blatt Papier, sie schreibt Ideen für einen neuen Song auf, ist sich aber noch unsicher, ob das ihren Bandkolleginnen gefallen wird. Es soll darum gehen, dass Männer Frauen fallenlassen, wenn sie nicht mehr nach Jugend und nach „fresh pussy“ riechen, sagt Johanna. Johannas Text über die Gesellschaft und ihr Problem mit alternden Frauen wird später der größte Hit der Band Witch Club Satan, um die es in „Hex“ geht: „Fresh Blood, Fresh Pussy“.
Warum drei Frauen Black Metal machen wollten
Die Doku „Hex“ ist einer von vielen außergewöhnlichen Musikfilmen, die dieses Jahr auf dem DOK.fest in München gezeigt werden. Sie erzählt die Geschichte von drei Frauen mit einer radikalen Idee: Nikoline, Victoria und Johanna wollen den Feminismus in den Black Metal bringen. Als Band. Aber keiner der drei kann überhaupt ein Instrument spielen. Egal – das kann man ja lernen. Die Konzerte: zwischen Albtraum und Orgie. In grauenerregenden Hexenkostümen greifen Witch Club Satan den Status quo an. Die Fans sollen schreien, als würden sie ein Kind gebären, brüllt Gitarristin Nikoline ins Publikum.
Eine Doku als Hexenprozess
Regisseurin Maja Holland hat ihre Doku passend zur Band als fiktiven Hexenprozess gegen die Punkerinnen inszeniert. Weggefährten, Kritiker und Fans sprechen nicht in Interviews, sondern müssen vor Gericht aussagen. Dort wird entschieden, was mit den drei Rebellinnen passiert. Soll man Gitarristin Nikoline zum Beispiel an einem Stuhl gefesselt ins Wasser werfen, wie die Frauen im 17. Jahrhundert? Geht sie unter, wäre dies ein Beweis für ihre Unschuld. Taucht sie wieder auf, wäre klar, dass man sie als Hexe verbrennen muss. Es sind genau diese Geschichten aus der Vergangenheit, die für Witch Club Satan Motor und Empowerment darstellen: als Vorbild für neue Tabubrüche.
Diese Musikfilme zeigt das DokFest
Beim DokFest in München werden neben „Hex“ auch weitere spannende Musiker portraitiert. Zum Beispiel das Musikduo Amadou et Mariam im Biopic: „The blind couple from Mali“. Ein Jahr nach dem Tod von Amadou Bagayoko, dem malischen Sänger des Duos, geht das besonders ans Herz. Auch zwei Festivals bekommen auf dem DokFest ein Denkmal: Die Nova-Convention in New York 1978, auf der Stars wie Patti Smith, Allen Ginsberg oder Frank Zappa dem Schriftsteller William S. Burroughs gehuldigt haben, und das legendäre Wacken-Festival. Auf dem DOK.fest kann man ein Portrait der Wacken-Gründer anschauen. Mit „Hood Stories“ zeigt das DOK.fest außerdem eine außergewöhnliche Hip-Hop-Doku: Im Zentrum: Die jungen Künstler UCEF, Ghetto B., Felix und Rocky 069.
„Hood Stories“: Hip-Hop als Therapie
In „Hood Stories“ will der erfahrene Rapper Sick einen Song mit den vier Talenten aufnehmen. Es soll um ihr Leben gehen, um die Realität in den vermeintlich gefährlichsten Vierteln Deutschlands. Sick weiß, dass Musik einem aus der Patsche helfen kann. Er war selbst drogensüchtig. „In meiner harten Koksphase habe ich eine arme Wurst neben mir herlaufen lassen, die mir das Koks in den Hals gespritzt hat“, sagt Sick in „Hood Stories“. Sehen- und hörenswerte Geschichten aus Realitäten, vor denen die Mehrheitsgesellschaft so gerne Augen und Ohren verschließt. Was alle Musikfilme auf dem DOK.fest dabei verbindet: Sie zeigen, dass Musik weit mehr ist als die große Karriere, die Schattenseiten des Erfolgs oder das Finale vor den Fans.

