Ob beim Discounter oder im Feinkostladen, ob in der Beratung oder hinter der Kasse, ob beim Bestellen von Waren oder beim Einräumen der Regale: Rund 500.000 Beschäftigte sind im bayerischen Einzelhandel für die Kundschaft im Einsatz. Am Freitag startet die Tarifrunde der Branche.
Das ist die Ausgangslage für die Tarifverhandlungen im Einzelhandel
Wie teuer das Leben geworden ist, bekommen die Mitarbeiter doppelt mit: als Personal im Verkauf mit Blick auf die Preisschilder und selbst als Kundinnen und Kunden beim Einkaufen. Deshalb fordern sie ein deutliches Plus, um mit dem Einkommen noch auskommen zu können.
Die Geschäfte im Einzel- oder Versandhandel dagegen argumentieren mit dem aktuellen Verhalten vieler Verbraucherinnen und Verbraucher: Die würden sich gerade zweimal überlegen, ob sie etwas anschaffen sollen, und auf jeden Cent achten. Betriebe stünden da finanziell massiv unter Druck.
Die Diskussion darüber wird die Gespräche in der Tarifrunde für den bayerischen Einzel- und Versandhandel ab Freitag prägen.
Reallöhne im Einzelhandel müssen laut Beschäftigten kräftig steigen
Zum Auftakt hat Verdi die Beschäftigten befragt. Laut Gewerkschaft gaben 73 Prozent dabei an, nur schlecht mit ihrem derzeitigen Einkommen den Lebensunterhalt bestreiten zu können. 88 Prozent haben demnach Angst vor Altersarmut. Vor diesem Hintergrund wurde die Tarifforderung beschlossen:
- Erhöhung der Löhne und Gehälter um 222 Euro (macht im Ecklohn circa sieben Prozent)
- Erhöhung der Ausbildungsvergütungen um 150 Euro pro Monat
- Erhöhung der Löhne und Gehälter der unteren Beschäftigtengruppen auf ein rentenfestes Mindesteinkommen von 14,90 Euro in der Stunde.
Das Ziel steht für Verdi fest: ein Einkommensplus deutlich über der Inflationsrate.
3.200 Euro für Vollzeitjob im Einzelhandel
Eine Vollzeitkraft verdient im sechsten Berufsjahr brutto rund 3.200 Euro im Monat. Aber die meisten Verkäuferinnen, Kassierer oder Sortierkräfte arbeiten in Teilzeit. Viele haben nur einen Minijob – vor allem die Frauen. Auch sie würden profitieren in der Tarifrunde. Für die zurzeit 603 Euro müssten sie entsprechend weniger arbeiten – wenn das weitergegeben wird.
Verdi-Verhandlungsführer Thomas Gürlebeck verweist auf das im Vergleich eher niedrige Einkommensniveau der Branche. „Untersuchungen zeigen, dass die Beschäftigten noch wesentlich schärfer von den drastischen Preissteigerungen betroffen sind.“
Tarifforderung von Verdi für den Einzelhandel völlig überzogen
Der Handelsverband Bayern präsentiert zum Auftakt in die Tarifrunde eine Prognose: Bleibt es bei der Kaufzurückhaltung und steigenden Preisen der Händler beim Einkauf der Waren, dann könnten in diesem Jahr in Bayern bis zu 1.000 Geschäfte dichtmachen – neu gegründete mit eingerechnet.
Die Forderung der Gewerkschaft bezeichnet Tarifgeschäftsführerin Melanie Eykmann angesichts der Geschäftslage als völlig überzogen. „Für Lohnerhöhungen bleibt aktuell nur sehr begrenzter Spielraum“. Was das in Zahlen ausgedrückt bedeuten würde, verrät der Verband auf Nachfrage nicht – auch nicht, ob er beim ersten Treffen schon ein Angebot präsentiert.
Nur wenige profitieren im Einzelhandel direkt von Tarifabschlüssen
Direkt vom Tarifvertrag profitieren im bayerischen Einzel- und Versandhandel nicht ganz ein Drittel der Beschäftigten. Die weitaus meisten Firmen sind nicht tarifgebunden. Für sie wäre der Abschluss eine Orientierung – an die sie sich aber nicht halten müssen.
Laut Verband erwirtschaften in Bayern rund 58.000 Unternehmen einen Umsatz von 70 Milliarden Euro jährlich. Und das mit im vergangenen Jahr laut Statistischem Landesamt rund 0,4 Prozent weniger Personal. Das liegt, so der Verband, nicht nur an der Konjunkturflaute. Oft fehlten die Fachkräfte. Um die zu bekommen – so sieht es die Gewerkschaft – müssten denn auch die Löhne stimmen.

