Viele unbesetzte Stellen, aber kaum geeignete Bewerber – dieses Problem haben viele bayerische Betriebe. Wie kann Bewegung in den Arbeitsmarkt kommen und wie können Jobabbau und Fachkräftemangel in unterschiedlichen Branchen überwunden werden?
Personalchefin: „Es geht um Motivation und Cultural-fit“
Die Firma DELO stellt Industrieklebstoffe im oberbayerischen Windach her. Industriekleber, das ist eines der wichtigsten Produkte, die aus Europa kommen. Auf dem internationalen Markt so etwas wie ein USP, ein Unique Selling Point der EU. Nur: Derzeit sind bei DELO fast 40 offene Stellen nicht zu besetzen. „Es ist so, dass es oft einen Qualifikations-Mismatch gibt“, analysiert Heidrun Hausen die Situation. Sie ist Personalchefin bei DELO.
Viele Babyboomer gehen in Rente, weniger Junge kommen nach. „Alles, was Informationen, Kenntnisse, Fähigkeiten sind, kann man auch lernen“, erklärt Hausen. Doch bestimmte Eigenschaften seien nicht verhandelbar. „Das ist die Motivation und das ist der Cultural-fit. Sprich: Passt der neue Kollege, passt die neue Kollegin ins Team?“
Personalvermittler: „Jobsuche spürbar härter geworden“
Insgesamt sind derzeit etwa 110.000 Stellen in Bayerns Betrieben und bei öffentlichen Arbeitgebern nicht besetzt. Zeitgleich zeigt sich auch ein gegenläufiger Trend: Viele Betriebe, vor allem in der Industrie, suchen gar keine neuen Arbeitskräfte, sondern entlassen oder zögern aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage.
Welche Folgen das hat, erlebt beispielsweise der Personalvermittler Andrè Stecher. Die Jobsuche sei spürbar härter geworden, so sein Eindruck. Stecher beobachtet, dass sich einige Unternehmen kaum Zeit für Bewerber nehmen und sie mit automatischen Absagen abfertigen. Lange Bewerbungsprozesse, wenige Stellen, fehlende Rückmeldungen – da mache sich bei den Bewerbern Frust breit.
Nahles: „Brauchen Bewegung auf dem Arbeitsmarkt“
„Wenn Menschen jetzt arbeitslos sind, kommen sie wirklich sehr schlecht in Arbeit“, räumt auch Andrea Nahles ein, die Chefin der Bundesagentur für Arbeit. Letztendlich helfe nur Bewegung auf dem Arbeitsmarkt. Und die gebe es „nur, wenn wir eine wirtschaftliche Entspannung, einen konjunkturellen Aufschwung haben. Und wenn auch die Transformation in den Branchen gut vorangeht“, so Nahles.
„Jeden Monat verlieren wir derzeit 2.000 Jobs in der bayerischen Industrie“, sagt Manfred Gößl, Präsident der Industrie- und Handelskammer Oberbayern. Aber eine Branche könnte 2026 für etwas Bewegung sorgen, sagt er: Die Rüstungsbranche sucht Arbeitskräfte. „Hier stellen wir fest, dass das ganz gut passt, dort, wo entlassen werden muss, und die Aufnahme in der Rüstung“, so Gößl. Aber auch die Rüstungsindustrie könne nicht alle Arbeitskräfte aufnehmen.
IHK: „Wir müssen flexibler werden, nicht starrer“
Derzeit sind in Bayern etwa 310.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Besonders hoch ist die Arbeitslosenquote zum Beispiel in Orten mit vielen Autozulieferern, wie Schweinfurt, Nürnberg oder Aschaffenburg. Mehr Austausch zwischen Unternehmen, die Jobs abbauen, und Unternehmen, die einstellen, ist nötig. Dazu braucht es laut IHK mehr Umschulungen. Kurzarbeit solle eine Notlösung sein, sonst drohe ein starrer Arbeitsmarkt. „Wir müssen flexibler werden, nicht starrer“, so Gößl.
Doch Kurzarbeit ist ein wichtiges Instrument, um Unternehmen aus der Krise zu helfen, betont auch der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Horst Ott: „Die starke Wirtschaft, die wir haben, vor allem die Metall- und Elektroindustrie – da beneidet uns die ganze Welt.“
Job-Trends 2026 in Bayern nach Berufen
Dennoch verliert Bayern nach Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB dieses Jahr Arbeitsplätze, ähnlich wie im Handel und im Gastgewerbe. Hingegen im öffentlichen Dienst und in staatsnahen Erziehungs- und Gesundheitsberufen soll es mehr Stellen geben.
Die IHK sieht auch andere Hoffnungsbranchen, wie Gößl ausführt: „In der Medizintechnik sind wir führend. Im Pharmabereich bedienen wir die ganze Welt.“ Auch in Traditionsbranchen, die kleiner geworden seien, werde man die Stärken wieder herausarbeiten können, „wenn die Kosten passen, wenn die international vergleichbar sind“, zeigt sich Gößl überzeugt. Hier müsse aber auch die Politik mithelfen.

