Der diesjährige G9-Abi-Jahrgang hat die Gymnasien mit einem hervorragenden Ergebnis verlassen. Am vergangenen Freitag wurden vielerorts so viele Einser-Zeugnisse verliehen wie noch nie. Während an einigen Schulen fast jeder zweite einen Einser-Schnitt erreicht hat, waren es am Gymnasium Schmuttertal in Diedorf bei Augsburg immerhin erstmals 41 Prozent. Seine 66 Absolventinnen und Absolventen hätten einen Gesamtschnitt von 2,14 erreicht, erklärt Schulleiter Günter Manhardt: „Das war ein sehr, sehr guter Jahrgang, die waren fachlich toll. Die waren aber auch menschlich super, sehr sozialkompetent“, so der Schulleiter. „Und man hat gemerkt, die hatten ein zusätzliches Jahr Lernzeit, das hat schon sehr geholfen.“
Mehr Reife und Lernbereitschaft im neuen G9
Ein ganzes Jahr mehr Zeit und die eigene Persönlichkeit entwickeln – das ist laut Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) ein wichtiger Pluspunkt des neuen G9. Entscheidend für ein erfolgreiches Abitur sei der Leistungswille der Schüler und dafür habe ein sehr guter Zusammenhalt dieses Jahrgangs beigetragen, so Manhardt.
Auch Johanna, Leni, Nele und Ozan freuen sich über ihre guten Abschlüsse und erklären ihr Erfolgsgeheimnis: motivierte Lerngruppen, viel Eigenengagement und die Unterstützung ihrer Lehrkräfte. „Ich fand jetzt nicht, dass das irgendwie superleicht war„, sagt Johanna, die ein 1,0-Abitur hat. Der 19-jährige Ozan betont: „Man musste auf jeden Fall dranbleiben, um erfolgreich abzuschließen, weil es dann doch sehr viel Stoff ist.“
Mehr Möglichkeiten für individuelle Schwerpunkte
Die Abiturienten haben auch neue Möglichkeiten zur Spezialisierung. Das motiviere zum Lernen, sagt Ministerin Stolz: „Wir haben auch die individuelle Schwerpunktsetzung, das heißt, dass die Schülerinnen und Schüler wirklich ihre Begabungen besser entfalten konnten.“ Und es seien extra mehr Lehrkräfte im Rahmen des G9 eingestellt worden, um die Schüler zu fördern.
Auch Michael Schwägerl vom bayerischen Philologenverband erklärt, das zusätzliche Schuljahr fördere die persönlichen Kompetenzen. Demnach habe der erste Abitur-Jahrgang im neuen G 9 die Möglichkeiten der neuen Oberstufe genutzt und sei den stärker kompetenzorientierten Prüfungsaufgaben klar gewachsen gewesen. Aber Schwägerl sieht in den vielen Bestnoten auch ein Problem: „Tatsache ist, dass es schwerer wird, die sehr Guten von den Herausragenden zu unterscheiden.“ Auch der Vorwurf, zu geringe Anforderungen oder zu gute Bewertungen der Leistung könnten das Abitur auf Dauer entwerten, sei berechtigt: „Wenn jeder 1,0 hat, hat am Ende keiner eine 1,0.“
Kritik an veränderten Stundenzahlen und Leistungsnachweisen
Das neue G9 sollte den Schülern ermöglichen, Unterrichtsinhalte besser als im G8 zu vertiefen. Jedes bestandene Abitur beweise den persönlichen Einsatz und die individuelle Leistungsbereitschaft der Absolventen, so Bildungsexperte und Schulpädagoge Klaus Zierer.
Doch er kritisiert, die guten Abiturnoten könnten Probleme des Bildungssystems überdecken. Leistungserhebungen in der Mittelstufe zeigten seit Jahren nur in eine Richtung – „nach unten“. Die fehlenden Kompetenzen in der 9. Klasse ließen sich laut Bildungsforschung nur schwer aufholen. Deshalb kritisiert Zierer etwa eine Verflachung der geforderten Wissensinhalte in der Oberstufe. „Das beginnt beispielsweise darin, dass wir Leistungskurse abschaffen oder nicht mehr dieselbe Stundenzahl geben. Dadurch werden die Fächer leichter.“ Es werde weniger Stoff vermittelt.
Die Benotung werde auch besser durch neue Prüfungsformate, durch den Einsatz von Medien in Projektarbeiten und durch die stärkere Gewichtung mündlicher Noten. „Das hebt laut Studien den Notendurchschnitt.“ Zierer warnt deshalb: Ein oberflächliches Wissen und geringeres Leistungsniveau könnten auf Dauer zur Abwertung der allgemeinen Hochschulreife führen.
Auswertung der ersten G9-Abschlüsse
Die Sorge, das Abitur werde zu einfach und Noten zu großzügig vergeben, weist Schulleiter Manhardt zurück. Studien des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen besagen: Im Sekundarbereich haben die Schüler weniger Punktzahlen erreicht als in den Jahren vorher. „Aber der Abiturschnitt ist etwas ganz anderes, da sind wir am oberen Ende der Skala bei der Schulart und dem Alter.“
Auch wenn Manhardt ebenfalls die Mittelstufe und Kernkompetenzen fördern möchte – dies schmälere nicht die großartige Leistung der Abiturienten. Auch einen Qualitätsverlust beim Abi befürchtet er nicht. Dennoch: Bildungsexperten und Kultusministerium wollen die Ursachen für die Häufung exzellenter Abschlüsse evaluieren und gegebenenfalls das System der Notenvergabe nachjustieren.

