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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Kitaplatzvergabe: Kinder mit Migrationserfahrung haben Nachteile
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Kitaplatzvergabe: Kinder mit Migrationserfahrung haben Nachteile

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 19. Januar 2026 15:22
Von Michael Farber
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4 min. Lesezeit
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Gelungene Integration beginnt im Kleinkindalter. Gerade die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die Sprachentwicklung, denn das Gehirn ist in dieser Phase besonders aufnahmefähig. Doch genau hier zeigt sich ein strukturelles Problem: Kinder aus Familien mit Migrationserfahrung haben in Deutschland schlechtere Chancen auf einen Kitaplatz. Darauf weist die Soziologin Seyran Bostancı hin. Sie hat das Netzwerk „Gemeinsamer Demokratieaufbau in der frühen Bildung“ gegründet und viel zu Migration geforscht.

Inhaltsübersicht
Migrationshintergrund: Diskriminierung bei der KitaplatzvergabeMehrsprachigkeit als Defizit statt als RessourceBildung lohnt sich – ökonomisch und gesellschaftlichSuperdiversität verlangt ein neues BildungssystemKonzepte gibt es – der politische Wille fehlt

Migrationshintergrund: Diskriminierung bei der Kitaplatzvergabe

Lange Zeit wurde angenommen, Eltern mit Migrationshintergrund würden ihre Kinder seltener in Kitas anmelden. Dem widersprechen neuere Studien, sagt Bostancı, zum Beispiel eine Experimentelle Untersuchung von Henning Hermes und Kollegen (externer Link).

Sie zeigt: Bewerbungen mit türkisch klingenden Namen erhalten bei gleichen Voraussetzungen seltener Zusagen für einen Kitaplatz als Bewerbungen mit deutschen Namen. Die Benachteiligung liegt also nicht bei den Familien, sondern schon im System der Kitaplatzvergabe. Das hat gravierende Folgen.

Gerade Kinder, die mehrsprachig aufwachsen oder zu Hause wenig Deutsch sprechen, profitieren besonders von früher Förderung, sagt die Forscherin. Wird Kindern der Zugang zu Kitas erschwert, verfestigen sich Bildungsungleichheiten bereits vor der Einschulung.

Mehrsprachigkeit als Defizit statt als Ressource

Ein weiteres Problem: Mehrsprachigkeit wird in den Kitas oft nicht als Stärke anerkannt. „Während Englisch oder Französisch positiv bewertet werden, gelten Sprachen wie Arabisch oder Türkisch häufig als Defizit. Kinder erhalten so schon früh die Botschaft, dass ihre Familiensprache weniger wert ist“, sagt Seyran Bostancı, die mehrere Studien zu Rassismus in der Kita (externer Link) durchgeführt hat. „Das wirkt sich auf Zugehörigkeitsgefühl und Lernbereitschaft aus. Denn Lernen braucht Sicherheit, Anerkennung, und das Gefühl, dazuzugehören.“

Bildung lohnt sich – ökonomisch und gesellschaftlich

Frühe Bildung ist nicht nur eine soziale, sondern auch eine ökonomische Investition. Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts zeigen: Eine bessere Bildungsintegration könnte Deutschland langfristig eine zusätzliche Wirtschaftsleistung von mehreren Billionen Euro bringen (externer Link).

Der Schulforscher Karim Fereidooni von der Ruhr-Universität Bochum warnt zugleich vor den Kosten des Nicht-Handelns. Menschen mit internationaler Familiengeschichte verlassen häufiger die Schule ohne Abschluss. Je später Förderung ansetzt, desto geringer die Wirkung – und desto höher die Folgekosten.

Superdiversität verlangt ein neues Bildungssystem

Die Realität in den Klassenzimmern ist hochkomplex. Der Begriff „Migrationshintergrund“ greift zu kurz, sagen Experten. Der US-amerikanische Soziologe Steven Vertovec hat die migrationsgesellschaftlichen Entwicklungen als Superdiversität beschrieben (externer Link).

Es geht nicht nur darum, dass Kinder oder deren Familien aus vielen Ländern kommen. Sie bringen auch unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Bildungsbiografien und soziale Hintergründe mit. Für Karim Fereidooni ist klar: Das Bildungssystem muss sich darauf einstellen und grundlegend verändern. Er fordert längeres gemeinsames Lernen, ganztägige Schulformen und kleinere Klassen.

Konzepte gibt es – der politische Wille fehlt

„Alle Aufgaben der Schule müssen in der Schule erledigt werden“, sagt der Schulforscher Fereidooni. „Denn wir müssen damit einfach zurechtkommen, dass es eine große Anzahl von Eltern gibt, nicht nur mit internationaler Familiengeschichte, sondern auch deutschstämmige Eltern, die entweder keine Zeit haben, die Hausaufgaben zu kontrollieren oder eben nicht die sprachlichen Fähigkeiten haben.“

Karim Fereidooni hat in Expertenkommissionen gesessen und zwei Bundesregierungen beraten. Seine Konzepte liegen auf dem Tisch, die Empfehlungen sind bekannt. Doch passiert ist nichts, sagt er. „Die Politik nutzt WissenschaftlerInnen als Feigenblatt. Wir machen was, aber letztlich setzen wir das nicht um. Das muss sich wirklich verändern im Bildungsbereich.“

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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