In den USA hat eine Pseudo-Studie Wellen geschlagen, die eine Impfgegner-Organisation in Auftrag gegeben hatte – und inzwischen auch Deutschland erreicht hat. Das Papier gibt vor, die Gesundheit von geimpften und ungeimpften Kindern zu vergleichen. Impfgegner beharren häufig auf der falschen Behauptung, bislang hätten Forscher die Gesundheit von Geimpften und Ungeimpften nicht gründlich genug verglichen – oder unerwünschte Ergebnisse nicht transparent gemacht. Die „Studie“ verletzt aber wissenschaftliche Standards und wurde deshalb nie in einer Fachpublikation veröffentlicht. Gerade diesen Umstand aber nutzen Impfgegner auch in Deutschland. Sie behaupten, unerwünschte Studienergebnisse zu Impfungen würden unterdrückt. Die Fakten sehen anders aus.
Welche Aufmerksamkeit solche Falschbehauptungen dennoch bekommen können und welche Tricks Impfgegner dafür nutzen, zeigt der Fall dieser US-Pseudo-Studie. Er zeigt auch, wie Impfgegner Forschung verzerren – ihre Grundregeln, Vorgehensweisen und Ergebnisse. Sie tun damit selbst das, was sie häufig dem Forschungsbetrieb vorwerfen: Studien in Auftrag geben, die nur belegen sollen, was von vornherein als Ergebnis erwünscht war. Sie vertuschen inhaltliche Fehler – und täuschen damit die Öffentlichkeit.
Auf X verbreitete sich die Pseudo-Studie auch über deutschsprachige Accounts, vor allem unter Verbreitern von falschen oder irreführenden Informationen zu Impfungen. „Geimpfte gegen Ungeimpfte-Studie sieht endlich das Licht des Tages – und die Ergebnisse sind atemberaubend“, heißt es etwa.
Der Ursprung der Pseudo-Studie
In Auftrag gegeben hatte die Pseudo-Studie die Organisation „Informed Consent Action Network“ (ICAN). Das ICAN fiel schon in der Vergangenheit mit Falschinformationen rund um Impfungen auf, etwa mit der falschen Behauptung, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung vor ihrer Zulassung in den USA nicht ausreichend geprüft worden sei. Jetzt legte das Netzwerk nach mit der Behauptung der Pseudo-Studie: Geimpfte Kinder seien 2,5 mal häufiger chronisch krank als Ungeimpfte. Medizinische Erklärungsmöglichkeiten liefert die Pseudo-Studie nicht, sie behauptet lediglich einen statistischen Zusammenhang – anhand mangelhafter Methoden. Aussagekräftige Studien hingegen belegen: Geimpfte sind nicht häufiger chronisch krank.
Die Autoren der Pseudo-Studie arbeiten zum Teil als Forschende bei „Henry Ford Health“, einem US-amerikanischen Gesundheitsunternehmen, zu dem unter anderem Krankenhäuser und Forschungseinrichtungen gehören. Die Pseudo-Studie sollte also in einem seriösen Umfeld veröffentlicht werden, war aber so mangelhaft, dass die Prüfer von „Henry Ford Health“ sie nicht akzeptierten. Die interne Begutachtung kam zu dem Schluss: Das Ergebnis sei aufgrund der methodischen Schwächen der Studie unhaltbar.
„Sie wurde nicht versteckt; sie wurde schlicht abgelehnt wegen zu vieler wissenschaftlicher Mängel“, heißt es auf der Webseite von „Henry Ford Health“. Das Papier kam also nie über den Status eines Entwurfs hinaus.
Verglichene Gruppen waren sehr unterschiedlich – Methoden glichen das nicht aus
Nachdem die Impfgegner-Organisation das Papier unabhängig von „Henry Ford Health“ verbreitet hatte, wiesen auch mehrere unabhängige Experten auf zahlreiche Mängel hin. So ist die Gruppe der Geimpften nicht nur viel größer, sie unterscheidet sich grundsätzlich von der Gruppe der Ungeimpften. „Jeder, der im Bereich von Öffentlicher Gesundheit forscht, würde zustimmen, dass es problematisch ist, grob unterschiedliche Gruppengrößen zu verschiedenen Zeitabschnitten mit nicht konsistenten demografischen Grundlagen zu vergleichen“, heißt es bei „Henry Ford Health“.
Der #Faktenfuchs hat mehrere Experten zu diesem Thema befragt. Alle nennen dieselben Gründe, warum ein Vergleich auf diese Art wie in dem Papier keinen Rückschluss darauf zulassen würde, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen Impfungen und bestimmten Erkrankungen gibt oder nicht.
Die Geimpften in der Untersuchung gingen häufiger zum Arzt, was mehr Gelegenheiten für Diagnosen bedeutet. In der Forschung wird so etwas als „Störfaktor“ bezeichnet. Die klinische Versorgungsforscherin Linda Sanftenberg erklärt im Gespräch mit dem #Faktenfuchs, was beim Vergleich von Geimpften und Ungeimpften ganz allgemein zu berücksichtigen ist: Wenn Kinder gar nicht geimpft werden, werden sie eventuell auch sonst selten zum Arzt gebracht. Möglicherweise ernähren sie sich auch anders, was ihre Gesundheit beeinflussen kann. Ungeimpfte Kinder können sich also in einer Vielzahl von Faktoren von geimpften Kindern unterscheiden. Diese Faktoren wiederum können einen Einfluss auf Diagnosen oder einen Mangel an Diagnosen haben. Das kann dann zu Verzerrungen führen. Sanftenberg forscht am Institut für Allgemeinmedizin des LMU Klinikums in München und ist stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Aktionsbündnisses Impfen (NABI).
Sie sagt: Man kann versuchen, in sehr großen Beobachtungsstudien solche Einflussfaktoren besser zu kontrollieren, und auch mit passenden statistischen Methoden versuchen, Verzerrungen ausgleichen. Zudem müssen solche Einschränkungen der Aussagekraft einer Studie transparent gemacht werden und bei der Schlussfolgerung ausreichend berücksichtigt werden.
Experten bemängeln an dem Impfgegner-Papier weitere Aspekte: Die Geimpften in der Pseudo-Studie waren auch diverser, was ihre ethnische Zugehörigkeit betrifft – ein Faktor, der sich auf Gesundheit auswirken kann, etwa weil verschiedene Gruppen unterschiedlich guten Zugang zu medizinischer Versorgung haben oder an unterschiedlichen Orten leben und deshalb zum Beispiel mehr oder weniger Luftverschmutzung ausgesetzt sind, wie Jeffrey S. Morris, Professor für Public Health und Präventive Medizin an der University of Pennsylvania in einem Beitrag schreibt. Die Geimpften-Gruppe enthielt außerdem einen höheren Anteil an Frühgeborenen oder Neugeborenen mit Atemnot – was sie für chronische Krankheiten anfälliger macht, wie Jake Scott, Infektiologe an der Stanford University erläutert. Sie wurden auch über einen längeren Zeitraum beobachtet als die Ungeimpften. Das verzerrt die Ergebnisse, weil viele Krankheiten bei Kindern erst später diagnostiziert werden.
Insgesamt kommen sie zu der Einschätzung: Die Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften seien so eklatant und die Methoden so unzureichend, dass dieses Papier seine Kernaussage nicht mit den erhobenen Befunden stützen könne.
Impfgegner-Anwalt präsentiert Pseudo-Studie im US-Kongress
Dennoch präsentierte ein Anwalt, der bereits für US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. – selbst ein Impfgegner – gearbeitet hat, in einer Anhörung im US-Kongress das Dokument. Er behauptete, dass „die Wissenschaft“ korrupt sei, weil sie angeblich unbequeme Wahrheiten unterdrücke. Die Impfgegner-Organisation, die das Papier angestoßen hatte, promotete auch einen Film über die vermeintlich „unbequeme Studie“ und nutzte sie als angeblichen Beleg für die darin aufgestellten Thesen.
Pseudo-Wissenschaft wird als seriöse Wissenschaft verkauft
Gerade wenn es um Gerüchte und Falschinformationen geht, nutzen die Verbreiter häufig solche Lockmittel: Sie versprechen angebliches Geheimwissen und tun so, als enthüllten sie vermeintlich unterdrückte Erkenntnisse, die sich aber bei genauer Betrachtung als falsch oder unbelegt herausstellen – und zu denen es meist schon seriöses Wissen gibt. Das sollte beim Lesen oder Hören von scheinbar skandalösen Enthüllungen misstrauisch machen.
Mit ihrem geheimnisvollen Anschein können sie aber glaubwürdig wirken, vor allem für Menschen, die ohnehin bereits zu der entsprechenden Einstellung tendieren.
Deutscher Verein verbreitet die Pseudo-Studie mit fragwürdigen Argumenten
Die mangelhafte Untersuchung aus den USA erreichte auch Deutschland. Die Falschinformationen verbreiteten sich hierzulande nicht nur auf Social Media. Auch der Verein „Ärzte und Ärztinnen für individuelle Impfentscheidungen“, der Impfungen immer wieder mit irreführenden Argumenten in Frage stellt und der ein Informationsangebot auch für Eltern bieten will, widmet der Pseudo-Studie einen eigenen Webseiten-Beitrag: Die „Studie“ sei „zurückgehalten“ worden. Die Gründe, so heißt es auf der Vereins-Webseite, seien nicht bekannt. Der Vereins-Webseiten-Eintrag ist älter als die Mitteilung von „Henry Ford Health“, mit der das Gesundheitsunternehmen auf die massive Verbreitung der Pseudo-Studie reagierte und in der sie als Gründe für die Nicht-Veröffentlichung die methodischen Schwächen benannte. Dennoch ist der Eintrag des Ärzte-Vereins nach wie vor (Stand: 21.01.2026) ohne Nennung der Gründe unverändert online. Der Verein schreibt in einer Mail an den #Faktenfuchs, Ergänzungen erfolgten erst, wenn sich aus Stellungnahmen eine „inhaltlich relevante Neubewertung“ ergebe.
Der Verein macht auf seiner Webseite selbst auf einige Einschränkungen der Pseudo-Studie aus den USA aufmerksam: Es seien Verzerrungsrisiken zu erwarten und es lasse sich keine Kausalität bei den Ergebnissen herstellen, so der Verein. Das gelte aber für alle Kohortenstudien, heißt es in dem Beitrag. Aber: In dieser speziellen „Studie“ wurden die Verzerrungsrisiken, die die Daten in Bezug auf Gruppengröße und -zusammensetzung mit sich brachten, nicht methodisch ausgeglichen. Entgegen der konkreten Kritikpunkte unabhängiger Experten nennt der Verein die Pseudo-Studie in dem Beitrag eine „solide Kohortenstudie mit (im Rahmen jenes Studiensettings) starker Methodik“.
Außerdem bezeichnet der Verein das Papier auf seiner Webseite als möglichen Anlass dafür, eine Studie durchzuführen, bei der eine Gruppe von Probanden ungeimpft bleibt. Der Verein schreibt dort selbst, dass dies gemeinhin als unethisch gilt, da Probanden so „wirksamer Schutz vorenthalten“ werden würde. Übersetzt heißt das: Der Verein beschreibt hier Placebo-kontrollierte Studien, denn nur diese würden den Teilnehmenden einen wirksamen Schutz gegen Masern vorenthalten. Weiter schreibt der Verein in Bezug auf die US-„Studie“: „Diese Studienergebnisse lassen jedoch daran zweifeln, ob es nicht doch ethisch gerechtfertigt ist, um mehr Klarheit über die gesundheitlichen Auswirkungen von Impfungen zu erhalten.“ Randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs), bei denen die Vergleichsgruppe einen bereits zugelassenen Impfstoff erhält, werden nicht erwähnt.
Auf Nachfrage des #Faktenfuchs dazu antwortet der Verein in einer Mail: „Der Beitrag plädiert nicht für ein konkretes RCT-Design.“ Er schreibt weiter: „Aussagen zu konkreten Ausgestaltungen werden bewusst vermieden.“
Eine Forderung einer Placebo-kontrollierten Studie zu Masern-Impfungen für Kinder, wie sie etwa die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum erhebt, widerspricht den international anerkannten ethischen Prinzipien der Wissenschaft. Denn das würde eben bedeuten, dass eine große Zahl von zufällig ausgewählten Kindern zu Forschungszwecken nicht gegen Masern geimpft und damit nicht vor der Erkrankung und möglichen Folgen geschützt wird.
Experten zufolge sind Placebo-kontrollierte Studien bei Masern-Impfstoffen nicht nötig, weil ihre Sicherheit auf anderen Wegen geprüft wurde, etwa anhand von Beobachtungsstudien.

