„Alles ist nur Behauptung, nichts ist Handwerk“, fertigte die „New York Times“ das Musical „The Cher Show“ nach der Broadway-Premiere Anfang Dezember 2018 recht ungnädig ab [externer Link]. Außer zahlreichen beeindruckenden Kostümen von Star-Designer Bob Mackie sei kaum etwas geboten gewesen, so der damalige Kritiker, und „zwischen den Pailletten“ sei die Handlung ein recht unübersichtliches, schwer erträgliches „Mischmasch“ gewesen. Trotz solcher und ähnlicher Verrisse lief „The Cher Show“ immerhin neun Monate und kam auf fast 300 reguläre Vorstellungen, heimste auch den ein oder anderen Musical-Preis ein.
Angesichts dieser zwiespältigen Vorgeschichte war durchaus Neugier angebracht, als im vergangenen Dezember in der Wiener Stadthalle eine deutschsprachige Europa-Tournee der „Cher Show“ startete, die vor der jetzigen Station im Deutschen Theater München zuletzt in Hamburg zu Gast war. Doch letztlich bestätigte sich der Eindruck, den schon die Uraufführungs-Kritiker hatten: Autor Rick Elice verhedderte sich hoffnungslos im eigenen Konzept.
Nur angedeutet, nicht zugespitzt
Klar, er wollte Cher, die als Cheryl Sarkisian geboren und zur unangefochtenen Pop-, Schönheits- und Mode-Ikone wurde, an ihren wichtigsten künstlerischen und privaten Lebensstationen seit den 1960er Jahren zeigen und diese Zeitreise mit ihren bekanntesten Songs anreichern. Doch erstens ist so eine Chronologie denkbar fade, weil absehbar, und zweitens lässt er von Anfang an gleich drei Cher-Darstellerinnen auftreten, die ihre drei wesentlichen Schaffensperioden verkörpern sollen und die sich bei Bedarf gegenseitig aufmuntern (Sophie Berner, Hannah Leser und Pamina Lenn). Das macht die Sache noch spannungsärmer und schwergängiger.
Dabei hatte Rick Elice eine gute Grundidee, die einen fesselnden Abend hergegeben hätte. Chers Leben ließe sich als Emanzipationsgeschichte zeigen, als Befreiung von der Vormundschaft der Männer (auch von ihrem ersten Partner und Förderer Sonny Bono).
Männer hatten in den Sechzigern im Showgeschäft noch uneingeschränkt das Sagen und waren nicht nur häufig übergriffig, sondern betrachteten das sogar als Selbstverständlichkeit. Das galt für viele Produzenten, Regisseure, Choreographen, wird in diesem Musical allerdings stets nur angedeutet, nie dramatisch zugespitzt.
„Kein Tag ohne Push-ups“
So schleppt sich die Story recht mühsam und steril durch die Jahrzehnte und verzichtet auch weitgehend auf Humor. Schade, denn immerhin landete Cher mit „If I Could Turn Back Time” 1989 nicht nur einen Riesenhit, sondern besang mit diesem Titel letztlich ihr ganzes Dasein: Wie kaum ein anderer Popstar müht sie sich redlich, die Zeit anzuhalten bzw. zurückzudrehen und die „Segnungen“ der Kosmetikindustrie in Anspruch zu nehmen: „Ich treibe viel Sport. Kein Tag ohne Push-ups“ – womit in diesem Fall sicher keine Liegestützen gemeint sind.
In einem gelungenen Cher-Musical müsste über die grandiose Entertainerin viel gelacht und noch mehr gestaunt werden. Die durch und durch kalifornische Oscar-Preisträgerin hat ja so vielfältige Talente bewiesen, auf der Bühne und im Kino („Silkwood“, „Mondsüchtig“).
Tapfere Kämpferin gegen die Zeit
Dabei wird in dieser Tour-Produktion eigentlich gut gesungen, wenn die Hits aus Zeitgründen auch meist nur kurz angespielt werden. Bedauerlich, denn die bisweilen langatmigen Dialoge wären fast durchweg verzichtbar gewesen. Ein Problem, das viele „Jukebox“-Musicals haben: Es geht ihnen eigentlich nur um eine Aneinanderreihung von Chart-Erfolgen, die dramaturgisch irgendwie plausibel gemacht werden soll. Das geht selten gut.
Die starke Seite dieser Show ist die Choreographie von Christopher Tölle und Nigel Watson. Getanzt wird mitreißend, sogar eine Revue-Reihe wird geboten. Die Ausgelassenheit der Hippie-Ära („I Got You Babe“) kommt allerdings viel zu kurz, da wäre mehr Flower-Power-Zeitkolorit wie in „Hair“ angebracht gewesen, nicht nur eine mehrfarbige Samt-Schlaghose.
Insgesamt ein Abend für ganz leidenschaftliche Cher-Bewunderer, die ihrer Ikone damit huldigen wollen. Es wird im Netz sogar wieder über eine Tour der inzwischen 79-jährigen Diva geraunt. Zuzutrauen wäre es dieser unerschrockenen Kämpferin gegen die Zeit – und Marlene Dietrich stand ja mit 73 auch noch auf der Bühne.
Bis 8. März 2026 im Deutschen Theater München

