Im Operationssaal wartet ein Patient noch auf dem Tisch, während nebenan in der Pathologie bereits ein Stück Gewebe untersucht wird. Ist der Tumor vollständig entfernt? Muss der Chirurg noch einmal nachschneiden? Solche Befunde können während einer Operation entscheidend sein. Genau um diese oft unsichtbare Arbeit geht es seit Donnerstag in Augsburg: Dort findet die 109. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie statt. Gastgeber ist das Institut für Pathologie und Molekulare Diagnostik des Universitätsklinikums Augsburg.
Pathologie ist mehr als Obduktion
Viele verbinden Pathologie mit Krimis, Tatort und Rechtsmedizin. Für Professor Bruno Märkl vom Universitätsklinikum Augsburg ist das ein Missverständnis. Pathologinnen und Pathologen untersuchen vor allem Proben lebender Patientinnen und Patienten – etwa nach Biopsien oder Operationen. In Deutschland werden laut Märkl jedes Jahr Millionen solcher Diagnosen gestellt. Besonders bei Krebs entscheidet der pathologische Befund heute häufig mit darüber, welche Therapie infrage kommt. Märkl sagt sinngemäß: Ohne Pathologie wären viele Fortschritte der modernen Krebsmedizin kaum möglich.
Warum Märkl mehr Obduktionen fordert
Trotzdem stehen auf dem Kongress auch Obduktionen im Mittelpunkt. Sie können zeigen, woran ein Mensch tatsächlich gestorben ist – und was Ärztinnen und Ärzte für künftige Fälle daraus lernen können. Märkl sagt dazu klar: „Wir obduzieren viel zu wenig.“ Auch moderne Untersuchungen wie CT oder MRT könnten nicht alles sichtbar machen. Bei Obduktionen würden immer wieder Befunde entdeckt, die vorher nicht bekannt waren. Für Angehörige könne das Wissen um die Todesursache außerdem wichtig sein, um offene Fragen zu klären.
Was Corona und Borna gezeigt haben
Besonders deutlich wurde die Bedeutung von Autopsien während der Corona-Pandemie. Damals war zunächst unklar, was Covid-19 im Körper auslöst. Märkl berichtet, Augsburg sei früh an Obduktionen beteiligt gewesen. Dabei habe sich gezeigt, wie stark die Erkrankung die Lunge betrifft und wie andere Organe durch die Reaktion des Immunsystems belastet werden können. Auch beim Borna-Virus halfen pathologische Untersuchungen weiter. Frühere, zunächst unklare Fälle konnten später erneut untersucht werden. So lassen sich Krankheiten besser verstehen – und mögliche Therapien gezielter entwickeln.
KI als zweite Meinung im Labor
Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung ist Künstliche Intelligenz. Professor Frederik Klauschen, Direktor des Pathologischen Instituts der LMU München, bremst jedoch überzogene Erwartungen. KI sei in der Pathologie noch nicht flächendeckend im Einsatz, auch weil Gewebeschnitte erst aufwendig digitalisiert werden müssten. Ein einzelner digitaler Schnitt könne ein bis zwei Gigabyte groß sein. Künftig könne KI aber als eine Art zweite Meinung mitlaufen. Sie könne helfen, Auffälligkeiten nicht zu übersehen und bestimmte Merkmale im Gewebe genauer zu messen. Entscheiden müsse am Ende aber weiterhin der Mensch.
Was Patientinnen und Patienten davon haben
Für Patientinnen und Patienten kann moderne Pathologie sehr konkret werden. Bei Krebs etwa untersuchen Fachleute nicht nur, ob ein Tumor bösartig ist. Sie suchen auch nach Eigenschaften, die zeigen, ob ein bestimmtes Medikament wirken könnte. So können Therapien genauer ausgewählt werden. Obduktionen wiederum helfen nicht dem Verstorbenen selbst, aber sie können Erkenntnisse liefern, die später anderen Menschen zugutekommen.

