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Egal ob im Bus, im Supermarkt oder mitten in der Innenstadt: Nahezu überall sieht man heutzutage Menschen, die auf ihre Handys starren – auch Kinder und Jugendliche. Um dem entgegenzusteuern, gibt es etwa in Australien ein Social-Media-Verbot für Menschen unter 16, in Spanien wird eine ähnliche Maßnahme diskutiert.
Mediensucht: Braucht es Gesetze und Verbote wie beim Alkohol?
In der BR24-Kommentarspalte lösen solche Berichte oft Diskussionen über Mediensucht aus. Nutzer „Europaeischdemokratisch“ zog beispielsweise einen Vergleich zum Umgang mit Drogen wie Alkohol oder Nikotin: „Dass mein Kind keinen Alkohol trinken darf, ist klar geregelt. Auch wenn ich es rauchen ließe, käme sogleich jemand daher und würde mich hinterfragen. Eventuell bekäme ich sogar Ärger mit dem Gesetz. (…) Aber beim Internet und Sozialen Medien soll es heißen: Na klar, mach was du willst??? Es braucht Gesetze und Verbote. Auch zum präventiven Schutz vor schweren unerwünschten Folgen.“
Sucht: Belohnungssystem wird gekapert
„Praktisch unterscheiden wir stoffgebundene Süchte wie bei Alkohol oder Nikotin von nicht stoffgebundenen Süchten, wie bei Spielhallen, Online-Gaming und Sozialen Medien“, erklärt Neurologe Markus Weih im BR24-Gespräch. Er ist Vorsitzender des Bayerischen Landesverbands Deutscher Nervenärzte.
Was alle Süchte jedoch gemeinsam haben, sei, dass sie das Belohnungssystem kapern würden. „Sie aktivieren Hirnanteile und kapern dort die Synapsen.“ Das würde dazu führen, dass Betroffene versuchen würden, diesen Zustand schnell wieder zu erreichen. „Dann wird man quasi zu einer Art dressiertem Affen.“
Verhalten von Nutzern wird gesteuert
„Bei den sozialen Netzwerken handelt es sich in Wirklichkeit ja einfach nur um Firmen, die ihr Geld damit verdienen, ihre Programme so gestaltet zu haben, dass man sie immer wieder aufruft“, sagt Weih. Die Mechanismen seien suchterzeugendem Verhalten nachempfunden worden. „Man sieht etwas, was man lustig oder abscheulich findet, und das Belohnungssystem leuchtet auf.“ Danach könne man direkt weiter zum nächsten Video scrollen oder werde automatisch weitergeleitet. Das würde das Verhalten steuern, speziell bei Kindern und Jugendlichen.
„Kinder lernen sehr schnell, das Internet als Methode einzusetzen, um sich nicht mit unangenehmen Gefühlen, Emotionen oder schlechten Gedanken auseinandersetzen zu müssen“, erklärt Niels Pruin, Sozialpädagoge und Suchttherapeut bei der Caritas Augsburg. Das neuronale Belohnungssystem werde durch das Internet sehr schnell programmiert, indem man sich gute Gefühle verschaffe und sich nicht mit Schlechtem auseinandersetzen müsse.
Braucht es ein Social-Media-Verbot für Kinder?
BR24-User erwähnten in diesem Zusammenhang auch eine mögliche Altersgrenze für Soziale Medien in Deutschland und Kontrollmöglichkeiten durch die Eltern. Der Nutzer „Schlauberger“ schrieb: „(…) So eine kontrollierte Form von sozialen Medien ist meines Erachtens nach ab einem höheren Alter denkbar, ersetzt aber kein Verbot für jüngere Kinder. Soziale Medien führen zu Sucht, Verdummung und Adipositas…“
„Soziale Medien können besonders dann in jungen Jahren Schaden anrichten, wenn sie exzessiv genutzt werden, weil sich in dieser Phase Persönlichkeit und Selbstwert erst noch entwickeln“, sagt Niels Pruin. Außerdem würden die Konzentration, der Schlaf und häufig auch die schulischen Leistungen darunter leiden.
Das sei bei Jugendlichen äußerst problematisch, weil die Phase für die Entwicklung äußert wichtig sei. „Eigentlich sind sich alle Hirnforscher einig: Man weiß, wann das Gehirn seine empfindlichste Phase hat: in der Jugend“, sagt Neurologe Weih. „Psychische Erkrankungen fangen im Schnitt mit 14,5 Jahren an.“ In dieser Lebensphase sei das Gehirn verletzlich. „Dinge, die da gelernt worden sind, dazu zählen auch ungesunde Verhaltensweisen, die bleiben in der Regel.“ Daher müsse man gerade Kinder und Jugendliche besonders schützen, wie eben auch vor Alkohol und Nikotin.
Komplette Abstinenz bei Medien nicht realistisch
Patrick Hey ist Abteilungsleitung Prävention & ambulante Angebote für Jugend und Familie bei Condrobs. Im Rahmen seiner Tätigkeit habe er einen starken, exzessiven Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen ab zehn Jahren bemerkt. Ein Problem sei, dass eine komplette Abstinenz, wie sie etwa bei Alkohol oder Nikotin möglich ist, bei Medien nicht realistisch sei. „Im Alltag, zum Beispiel in der Schule oder der Arbeit, braucht man häufig Medien. Ein 100-prozentiger Abstand wird den wenigsten Menschen gelingen.“
Körperliche Auseinandersetzungen wegen ausgeschaltetem WLAN
Ein weiteres Problem sei, so Patrick Hey, dass das Thema relativ neu sei und es daher kaum beziehungsweise keine Langzeitstudien gebe, auf die man sich berufen könne. Bei Alkohol oder Nikotin wüssten Eltern oft um die Risiken. Bei digitalen Medien fischten viele noch im Trüben. „Kinder kriegen oft einfach so ein Smartphone oder ein Tablet in die Hand gedrückt, ohne dass sich Eltern vorher groß mit den Risiken und Tools auseinandergesetzt haben“, so Hey. Teils gehe es so weit, dass es in Familien wegen eines ausgeschalteten WLAN zu körperlichen Auseinandersetzungen komme. Aktuell würden immer mehr Eltern wegen solcher Probleme nach therapeutischer Hilfe suchen. Doch von diesen Hilfsangeboten gebe es nicht genug.
Anbieter müssen in Verantwortung genommen werden
Darin sind sich die befragten Experten einig: Um dem entgegenzuwirken und Kinder und Jugendliche besser zu schützen, brauche es klare Regelungen. So müssten etwa Anbieter in die Verantwortung genommen werden, Kinder- und Jugendschutz umzusetzen.

