Nicht gerade ein sonderlich publikumswirksamer Titel für ein Boulevardtheaterstück: „Der Abschiedsbrief“, zumal es auch noch um ein so schwermütiges Thema wie die Frage nach dem Sinn des Lebens geht. Und doch war das Pariser Publikum vor drei Jahren bei der Uraufführung begeistert, vielleicht auch, weil damals das einstige Teenager-Filmidol Sophie Marceau mitspielte. Die Älteren kennen sie natürlich noch aus der Komödie „La Boum – die Fete“ von 1980.
In der deutschen Übersetzung übernahm jetzt die fernsehbekannte Michaela May an der Komödie im Bayerischen Hof in München die Rolle. Sie muss sich als Pianistin Maud mit ihrem melancholischen Mann Julien (Sigmar Solbach) herumschlagen, der eigentlich alles satt hat und sterben will.
Kein Thema, das Michaela May privat ängstigt: „Man kann ihn ja gar nicht bestimmen, den Tod, außer man macht Schluss, sonst kommt er irgendwann, irgendwie. Die einzige Angst, die ich vielleicht hätte, ist die, dass ich krank werde und vor mich hinsieche, das möchte ich nicht, aber vor dem Tod selbst, also einfach nicht mehr da zu sein, habe ich keine Angst, weil ich dann ja auch nichts mehr davon weiß. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.“
„Ich wollte das unbedingt spielen“
Wenn sie plötzlich auf der Bühne „umfallen“ würde, so May, würde sie zu ihrem eigenen Ende spontan sagen: „Fein war es, super war es.“ Zwei Stunden lang dreht sich im „Abschiedsbrief“ alles um Selbstfindung und die Suche nach dem wahren Lebensglück, durchaus auch im kosmischen Maßstab. Dabei ist Autorin Audrey Schebat erst 52, hätte also keinen biografischen Grund, eine Lebensbilanz vorzulegen.
Michaela May jedenfalls ist vom Stück überzeugt, obwohl es auf einer Boulevardbühne ungewöhnlich ist: „Ich wollte das unbedingt spielen und beide Theaterchefs in München und Hamburg haben sehr gezweifelt und gesagt, schon der Titel ‚Der Abschiedsbrief‘ als Komödie und als Zwei-Personen-Stück sei schwierig. Ich liebe das Stück. Jeder, der in seinem Leben mal eine Beziehung erlebt hat, die vielleicht länger als ein Jahr überdauerte, kann sehr viel darin finden.“
„Ich kann nicht berühmter werden“
Womöglich geht es im „Abschiedsbrief“ (Regie führt Michaela Mays Ehemann Bernd Schadewald) gar nicht so sehr um Tod und Selbstzweifel, sondern vielmehr um das Zusammenleben im aufreibenden Alltag, der bekanntlich selten romantisch ist. „Die Liebe ist ja, wie man weiß, der Grundantrieb des Lebens. Wenn die Liebe weggeht, dann ist eigentlich alles, was am Leben schön ist, vorbei. In unserem Fall ist die Liebe anscheinend verloren gegangen, wie das oft so ist, wenn man länger zusammenlebt. Dann kommt der Alltag und die große Verliebtheit weicht einem Tagesrhythmus, dem jeder für sich nachgeht.“
Gerade wenn der „Peak“ im Leben überschritten sei („Ich kann nicht mehr berühmter werden.“) und Körper und Geist langsamer würden, lohne es sich gleichwohl immer, für die Liebe zu kämpfen.
„Seele sehr dehnbar und weit“
Obwohl das Fernsehgeschäft sich sehr verändert habe und alles inzwischen viel schneller und weniger aufwändig gedreht werden müsse als früher, macht ihr die Schauspielerei nach wie vor viel Spaß. Womöglich ist es sogar Balsam für die Seele: „Man spielt sein Leben lang. Man schlüpft immer wieder in neue Rollen. Man lernt so viel kennen, auch so viele verschiedene Menschen, die man sich reinzieht in die Seele, und das macht die Seele sehr dehnbar und sehr weit, weil man so viele unterschiedliche Charaktere einatmet und ausfüllen soll und will.“
Eine „dehnbare und weite Seele“, in die ganz viel Lebenserfahrung hineinpasst, wer möchte die im Alter nicht, wenn die Innenwelt mit jedem Jahr wichtiger wird als die Außenwelt? Der titelgebende „Abschiedsbrief“ wird übrigens gar nicht geschrieben. So ein Leben passt da sowieso nicht rein, und die Liebe schon gar nicht.
Bis 19. April in der Komödie im Bayerischen Hof in München.

