Wenn es mal wieder unübersichtlich wurde in irgendeiner Debatte, richteten sich alle Augen gern auf Jürgen Habermas, den deutschen „Großintellektuellen“ und Star-Philosophen, der in einem Interview mit dem „Philosophie-Magazin“ mal gefragt wurde, welchen Denker er denn jungen Menschen empfehlen würde. Seine Antwort: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831), den deutschen Idealisten, den Habermas zwar etwas „verwirrend“ fand, aber auch maßgeblich in Sachen „Freiheit und Liebe“.
Habermas und die „Frankfurter Schule“
Klar, Hegels bombastisches Deutsch gilt als schwer verdaulich, aber er hatte bekanntlich prägenden Einfluss auf Karl Marx und somit auch auf die „Frankfurter Schule“, die Jürgen Habermas ab 1964 zu neuen intellektuellen Höhen führte. Damals übernahm der Philosoph den renommierten Lehrstuhl von Max Horkheimer, der gemeinsam mit Theodor W. Adorno zu den beiden Gründungsvätern der Frankfurter Schule zählte.
Die „Dialektik der Aufklärung“ (1944) von Horkheimer und Adorno gilt als einer der berühmtesten philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts überhaupt und als Fundament der „Kritischen Theorie“, die mit dem eisigen Charme der „Vernunft“ abrechnete, wie sie seit der Aufklärung in Mode gewesen war. Doch diese Vernunft war im Nationalsozialismus umgeschlagen in ihr radikales Gegenteil, war selbst zur Mythologie geworden, also alles andere als „vernünftig“. Diesem dialektischen Denken blieb Habermas zeit seines Lebens eng verbunden.
Schon früh attackierte er Martin Heidegger
Geboren wurde Habermas 1929 in Düsseldorf. Der Vater war nach dem Krieg als NS-„Mitläufer“ eingestuft worden, Habermas selbst war zwar im NS-„Jungvolk“ aktiv, entkam jedoch dem Schicksal eines „Flakhelfers“, weil er sich gegen Kriegsende versteckt hielt.
Bereits früh machte er als streitlustiger Denker auf sich aufmerksam: 1953 nahm er den gefeierten Berufskollegen Martin Heidegger aufs Korn, weil der äußerst verfängliche Formulierungen über den Nationalsozialismus gewählt hatte. Sehr viel später, nach der Veröffentlichung vertraulicher Aufzeichnungen, wurde Heidegger als Antisemit entlarvt.
„Herrschaftsfreier Diskurs“ als Ideal
Mit seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ setzte Habermas 1961 neue Maßstäbe in der Analyse der bürgerlichen Gesellschaft, ebenso wie mit seiner international wirkmächtigen „Theorie des kommunikativen Handels“ (1981), in der er den „herrschaftsfreien Diskurs“ als Ideal propagierte.
Habermas gehörte in den Sechzigern zu den profiliertesten Köpfen der akademischen Linken, sympathisierte anfangs auch mit Studentenführer Rudi Dutschke, wollte den Weg zu einer „Revolution“ jedoch nicht mitgehen.
1971 wechselte er vom wild bewegten Frankfurt für zwölf Jahre in das beschauliche Starnberg, wo er am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt tätig war – ein durchaus symbolischer Bruch mit seiner bisherigen, recht aktivistischen Karriere. Erst 1983 ging Habermas nach Frankfurt zurück, wo er 1994 schließlich in den Ruhestand trat. Er kehrte nach Starnberg zurück und war seitdem als Philosoph, Debattenteilnehmer und Herausgeber („Blätter für deutsche und internationale Politik“) äußerst engagiert.
Habermas als öffentliche Stimme in großen Debatten
Es gab kein Thema von Bedeutung, das er unkommentiert ließ: den Historikerstreit über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die Asylrechtsdebatte, die Hirnforschung und die Frage, wie frei der Mensch eigentlich in seinen Entscheidungen ist, die Eingriffe in das menschliche Erbgut, das Verhältnis von Philosophie und Religion, Europas Integration, die Bedeutung der Grundrechte in der Corona-Pandemie und den Krieg Russlands in der Ukraine.
Auch zum Nahen Osten vertrat Habermas pointierte Ansichten, die nicht unwidersprochen blieben. So verteidigte er Israels „Gegenschlag“ gegen die Hamas, was auch unter seinen Schülerinnen und Schülern viel Kritik erregte.
„So viel Wissen über Nichtwissen“
Aufschlussreich war, was der neunzigjährige Habermas zu den „zentrifugalen“ Kräften im Netz zu sagen hatte, die „narzisstisch in sich kreisende Diskurse“ förderten. Das habe zwar „unbestreitbare Vorteile“, aber die „Blasen“ erschwerten „konkurrierende öffentliche Meinungen, die für die Bevölkerung im Ganzen repräsentativ“ seien: „Die digitalen Öffentlichkeiten würden sich dann auf Kosten einer gemeinsamen und diskursiv gefilterten politischen Meinungs- und Willensbildung entwickeln.“
Insgesamt zeigte sich Habermas in seiner Lebensbilanz eher „ratlos als pessimistisch“ und wollte alles Weitere den jüngeren Kollegen überlassen: „Ich kann nur noch spekulieren.“ Wie der Bayerische Rundfunk aus dem Freundeskreis des großen Philosophen erfahren hat, ist Jürgen Habermas nun, im Alter von 96 Jahren, in Starnberg verstorben.

