Es wird eine spannende Verleihung: Denn es könnte sein, dass dies die politischste Oscar-Verleihung seit langem wird. Die Maßnahmen der Trump Regierung in Amerika, der Gaza Konflikt, der Ukraine-Krieg und die Kriege im Nahen Osten und im Iran überschatten die diesjährige Veranstaltung im Dolby Theatre.
Man darf gespannt sein, wie der als eher ausgewogen geltende Moderator und Late Night Host Conan O‘Brien seine Moderation anlegen wird. Denn auch wenn das Film Establishment mit geringen Ausnahmen in Los Angeles als linksliberal gilt, so will man es sich doch nicht mit der großen Politik verderben.
Wer wird der große Abräumer?
Ein Gewinner steht schon fest: Es ist das Warner Brothers Filmstudio, das nach einem heftigen Bieterkampf offenbar von Paramount geschluckt werden wird. Warner hat beide Oscar-Favoriten produziert. Auch wenn das mit viel Blues gespickte Horror- und Vampirspektakel „Blood & Sinners“ von Regisseur Ryan Coogler mit historischen 16 Nominierungen vorne liegt, so gehen die amerikanischen Wettbüros derzeit davon aus, dass Paul Thomas Anderson mit „One Battle After Another“ in den Kategorien beste Regie und bester Film gewinnen wird.
Der Kultregisseur war bereits 14-mal für einen Oscar nominiert. In seinem virtuos inszenierten, dystopischen Drama zeigt er die gesellschaftlichen Brennpunktthemen wie Migration und autoritäre Regierungshaltung im politisch zerrissenen Amerika auf und hat damit viele Fans in der Hollywood-Community, wie zum Beispiel Jennifer Lawrence.
Vorhersagen der Branche
Branchenbeobachter halten es aber auch für möglich, dass mit Ryan Coogler zum ersten Mal ein schwarzer Regisseur den Preis für die beste Regie gewinnen könne und dass mit seiner Frau und Produktions-Partnerin Zinzi Coogler zum ersten Mal eine schwarze Frau mit dem Preis für die beste Produzentin geehrt werden könnte.
Nicht außer Acht gelassen werden darf auch der Box Office Erfolg des Films „Blood & Sinners“. So spielte der clever konstruierte Genre-Mix weltweit bereits über 320 Millionen Euro ein und gilt damit als der kommerziell erfolgreichste Blockbuster im diesjährigen Oscar-Rennen. In der im Jahr 1932 angesiedelten Story spielt Michael B. Jordan, der als bester Hauptdarsteller nominiert ist, in einer Doppelrolle zwei eineiige Zwillingsbrüder, die in den rassistisch geprägten Süden der USA zurückkehren und dort auf Vampire treffen.
Jordans größte Konkurrenten sind Oscarpreisträger Leonardo DiCaprio in „One Battle After Another“ und Timothée Chalamet, der für das skurrile Tischtennis-Drama „Marty Supreme“ nominiert ist. Durch seine jüngsten Äußerungen über die Unwichtigkeit von Klassik und Oper hat sich Chalamet weltweit aber harsche Kritik eingeholt, die sicherlich auch zu bissigen Kommentaren während der Show führen werden und seine Chancen schmälern könnten.
Welche Hauptdarstellerin macht das Rennen?
Bei den weiblichen Hauptdarstellerinnen setzen die Buchmacher ganz klar auf die Irin Jessie Buckley, die zuletzt in Chloé Zhaos Shakespeare-Drama „Hamnet“ brillierte und dafür einen Golden Globe gewann. Ernstzunehmende Konkurrenz erfährt sie nur durch Emmas Stone („Bugonia“) und die Norwegerin Renate Reinsve, die in „Sentimental Value“ einen starken Auftritt hat.
Der Regisseur des Films, Joachim Trier, ist auch für die beste Regie nominiert. Er dürfte hier jedoch weitgehend als chancenlos gelten. Dafür wird sich der norwegische Film voraussichtlich als bester internationaler Film gegen seine vier Mitbewerber durchsetzen. „Sentimental Value“ hatte neben zahlreichen anderen Auszeichnungen bereits auch den europäischen Filmpreis gewonnen.
Wie steht es um die Chancen der Nebendarsteller?
In der Kategorie des besten Nebendarstellers wird das Rennen voraussichtlich zwischen Benicio del Toro und Sean Penn entschieden, die beide für ihre Rollen in „One Battle After Another“ nominiert sind. Auch in der Kategorie der besten Nebendarstellerin treten zwei Schauspielerinnen für denselben Film an: Elle Fanning und Inga Ibsdotter Lilleaas aus „Sentimental Value“. Die momentane Prognose lautet jedoch, dass der Preis an Teyana Taylor in „One Battle after Another“ geht.
Im Nachgang zur #MeToo-Debatte und der #OscarsSoWhite“-Bewegung gibt es zudem eine Neuerung: Dieses Jahr wird zum ersten Mal in der Kategorie „Bestes Casting“ ein Oscar vergeben. Man wollte mehr Frauen, Diversität und ein internationaleres Profil.

