Street Photography nennt man das Genre, das Lisette Model vor 90 Jahren mit erfunden hat. Sie pirschte sich in den 1930er Jahren mit ihrer kleinen Rolleiflex-Kamera – nicht vor den Augen, sondern am Hals baumelnd – an die Menschen auf den Straßen von Paris und Nizza heran und machte fast unbemerkt ihre Fotos.
Dabei war ihr Takt trotzdem wichtig, wie sie in den 1970er Jahren in einem Interview versicherte. Da war sie in den USA schon hauptsächlich Lehrerin für Fotografie. „Man muss immer taktvoll sein. Immer wissen, wen und was man fotografiert.“
Menschen in ungestellten Momenten
Lisette Model habe es bevorzugt, sagt Walter Moser, nicht mit den Menschen zu reden, bevor sie ein Foto macht. „Sie wollte die Menschen gewissermaßen in ungestellten Momenten so direkt wie möglich fotografieren.“ Moser ist Kurator von der Albertina in Wien, wo die Ausstellung, die jetzt im Kunstfoyer München präsentiert wird, schon zu sehen war. Sie zeigt Dutzende dieser ungestellten Momente, die Model mit ihrer Kamera eingefangen hat.
Einen neben seinen üppigen Angeboten eingeschlafenen Blumenhändler in Paris, protzig ihren Reichtum ausstellende Touristen an der Promenade des Anglais in Nizza, einen beinamputierten Kriegsinvaliden, der auf Krücken auf dem Gehsteig bettelt oder mit fiebernde Sportfreunde bei einem Pferderennen in den USA.
Von der High Society bis zu den Rändern der Gesellschaft
Heute stünden dieser Art der Fotografie starke Persönlichkeitsrechte entgegen. Keine Fotografin dürfte solche Aufnahmen ohne Rücksprache mit den Abgebildeten veröffentlichen. Lisette Model tat dies in den 1930er Jahren in Frankreich sogar in der kommunistischen französischen Zeitschrift „Regards“. Auch unkommentiert erzeugte die Konfrontation des Elends der Armen mit der Arroganz der Reichen den gewünschten Effekt.
Die Fotografin verwandelte erst in der Dunkelkammer ihre Straßenfotografien in politische Kommentare. „Sie habe den Bilderschnitt verändert und immer verengt, sagt Walter Moser. Deswegen wirkten die Bilder für den Betrachter so nah und so dynamisch.
Verführung zu expressionistischen Gesten
In den USA ging Lisette Model dann aus der Deckung. Erinnerte sich an die Kunst ihrer Wiener Jugend von Egon Schiele oder Oskar Kokoschka, aber auch an die ihres Gesangslehrers Arnold Schönberg – und verführte die Fotografierten jetzt zu expressionistischen Gesten. Benutzte in New Yorker Nightclubs den Blitz, der jede Art von Heimlichkeit unmöglich macht.
Ganz stark wirken ihre Porträts von Musikerinnen und Musikern: Der Pianist Glenn Gould tief über sein Instrument gebeugt. Ein schwitzender Louis Armstrong. Billie Holiday sogar auf dem Totenbett. Aus der Straßenfotografin Lisette Model war längst eine Menschenfotografin geworden.

