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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > 61. Biennale in Venedig: Kunst und die politische Polykrise
Kultur

61. Biennale in Venedig: Kunst und die politische Polykrise

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 21. März 2026 16:47
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Kunst wird immer stärker zu einem Austragungsort der Politik. Die Debatte über Nahost erhielt auf der Berlinale beispielsweise mehr Aufmerksamkeit als die Filme. Gleiches droht nun der Kunst auf der Biennale in Venedig. Sie steht jetzt schon im Schatten mächtiger politischer Aufregung.

Inhaltsübersicht
Kunst und kollektive ErregungskulturSich selbst entlarvender russischer Pavillon

183 Künstler und Kuratoren rufen zum Boykott ihrer israelischen Kollegen auf. Das Kollektiv „Art Not Genocide Alliance“ (ANGA) fordert in einem offenen Brief, den israelischen Pavillon geschlossen zu halten. Der Ton ist voll schriller Dringlichkeit. Elke Buhr, Chefredakteurin der Kunstzeitschrift „Monopol“, hält Protest für legitim, betont aber die Abgrenzung der Kunst von der Politik. „Die Kunst ist zunächst autonom und hat nicht die Grundaufgabe, immer über Demokratie zu reden, über Diversität, über Moral. Ich glaube, das ist etwas, was für die Politik zunehmend auch schwer auszuhalten ist. Ständig wird etwas erwartet, wird reinreguliert.“

Kunst und kollektive Erregungskultur

Eine zunehmend dominante Erregungskultur verdrängt allmählich die Kunst. „Wir reden nur noch über die Frage, darf jemand mitmachen oder nicht oder darf eine Nation teilnehmen oder nicht, und nicht über das, was dann tatsächlich zu sehen ist bzw. das, was die Kunst macht“, klagt Jörg Heiser, Professor für Kunst im Kontext an der Universität der Künste in Berlin. Der Grund dafür ist naheliegend: Protest und kollektive Affekte sind laut, verbindend, erhebend – auch, weil man sich moralisch auf der richtigen Seite verorten kann.

Wahrnehmung und Erkenntnis der Kunst dagegen sind komplex, leise und individuell. „Ich möchte auch nicht in der Haut des Künstlers stecken, der Israel diesmal repräsentiert. Das ist hart“, sagt Elke Buhr und plädiert für ein Sich-Einlassen auf die Kunst. „Aber was ich wirklich spannend finde: was für eine Lösung dieser Künstler findet.“ Für Vertrauen in die Kunst wirbt auch Jörg Heiser. „Man kann auf der Biennale sehen, wie genau ein Land mit seiner Kultur umgeht, wie manipuliert wird oder nicht, wie Dinge zugelassen werden oder nicht.“

Sich selbst entlarvender russischer Pavillon

Im russischen Pavillon sollen sich beispielsweise 50 zumeist unbekannte Musiker, Dichter, Philosophen aus Mexiko, Argentinien, Brasilien und Mali zu einer Großperformance versammeln. Das Motto „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“ – ein Ausspruch der Philosophin Simone Weil. Er zielt unfreiwillig direkt in die verkehrte Welt in Russland, auf die von Fakten längst entkoppelte russische Wirklichkeit.

Die XXL-Performance sei ein, so der russische Originaltext, „hybrides Format“, was wiederum an den „hybriden Krieg“ erinnert, den Russland gegen Europa führt. Aufgabe des „hybriden Formats“ sei es, die „Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie“ zu untersuchen. In der Politik will sich Russland mit aller Waffengewalt zurück ins Zentrum kämpfen.

Nahezu spielerisch kann man das russische Kuratorenkonzept in die darunter verborgene Wahrheit zerlegen. Der teilnehmende, aus Mali stammende DJ Diaki etwa hat ankündigt, „Straßenmusik, Underground-Clubkultur und zeitgenössische Kunst“ zu kombinieren und westafrikanische Rhythmen mit russischen Elementen zu verschmelzen – „für einen echten kulturellen Dialog“. Das ist insofern bemerkenswert als dass Russland im eigenen Land jeden kulturellen Dialog unterdrückt, alle namhaften Künstler mussten das Land längst verlassen. „Im besten Fall“, argumentiert Elke Buhr, „macht Russland jetzt mit und in zehn Jahren oder in 20 Jahren gibt es richtig gute Künstler im russischen Pavillon, die wiederum die Geschichte aufarbeiten so wie der deutsche Pavillon seine Geschichte aufarbeitet. Das wäre so, wie es laufen sollte.“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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