„Toxibaby“, der männliche Protagonist, erscheint im gleichnamigen, neuen Roman von Dana von Suffrin erstmal nur in Klammern. Und zwar in Bezug auf die Zweizimmerwohnung der Ich-Erzählerin, in München Giesing, Klammer auf, „in die Toxi, ohne dass wir je darüber gesprochen hätten, sofort eingezogen war“, Klammer zu.
Die Erzählerin leitet das kommende 230-seitige Kreisen um den milden Irrsinn einer Beziehung quasi mit Antäuschen ein, mit Naturbeschreibungen und Gedanken über den Tod; Seite sieben ist aber ziemlich sicher die einzige Seite in diesem Roman, auf der „Toxi“ nur ein einziges Mal vorkommt.
Toxische Beziehung zweier Millenials
Der herablassend-zärtliche Kosename liefert dabei gleich einen ganzen Überbau mit. Dana von Suffrin hat das bis ins widersprüchliche Detail ausgemalt: „An einer Stelle spricht er sie als ‚Toxibaby‘ an und dann widerspricht sie und sagt, du bist die toxische Person in unserer Beziehung, nicht ich.“
Denn die Protagonisten in ihrem neuen Roman sind Millennials, geboren in den 80ern, beschäftigt mit toxischen Beziehungen, verunsichert, geschwätzig, gebildet, stil-, marken- und detail-bewusst – und immer ironisch. Sie posen als Traumpaar und sind es vielleicht auch, blockieren sich bei WhatsApp, rauben sich den Schlaf. In drei Jahren kommen sie auf 13 Trennungen.
„Die sind beide nicht wirklich geneigt, an ihren Problemen zu arbeiten“, diagnostiziert die Münchner Autorin, „das ist das Toxische daran. Andererseits frage ich mich auch, ob diese Konzepte so sinnvoll sind. Denn kriegen wir es hin, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wirklich ganz gesund und harmonisch zu halten? Ich glaube eher nicht.“ Ich-Erzählerin Herzchen, ebenfalls mit einem sprechenden Kosenamen ausgestattet, stellt also hellsichtig fest: „Toxi, für uns ist gar nichts leicht, wir sind die schwierigsten Leute überhaupt.“
Sie hat so recht, und so unrecht!
Dana von Suffrin produziert einen nicht endenden Wort-Sog, in dem Herzchen ihr Leben mit Toxi erklärt, erträumt, verteidigt und verzerrt. Und keine Pointe stehen lässt – Zitierenswertes im Seitentakt, sie hat so recht, und so unrecht! Toxibaby bleibt dabei stets etwas unerklärlich – und das macht ihn ja so attraktiv. Sie aber lernen wir immer besser kennen, ihr Lebensgefühl zwischen Weltkrisen und Weltschmerz, zwischen Romantik und abgeklärten Pointen, und ihre jüdische Familiengeschichte, in der sich alle Schrecken des letzten Jahrhunderts versammeln.
Deutsch-Jüdische Biographien
Generationenübergreifende Traumata und Wohlstandsalltag, Jüdischsein heute in Deutschland – das sind Themen, die bei Dana von Suffrin auch in früheren Romanen auftauchten. Hinter Sarkasmus und absurden Paar-Logiken stecken in „Toxibaby“ aber auch soziologische Kategorien.
Die Autorin untersucht die Generation der Millennials, die auch ihre eigene ist und die im Privaten letztlich die Verwerfungen des Politischen spiegelt. Die nach Werten und Identität und Perspektiven sucht und dabei maximal verunsichert ist.
Unterschiedliche Leserfahrungen – je nach Alter
Demgegenüber steht die Vorgängergeneration der Babyboomer mit ihren Werten, Wohlstand, Arbeitsethos. „Das sind alles so Sicherheiten, die bei uns verschwunden sind“, sagt Dana von Suffrin dazu. Sie nehme deutlich wahr, dass ihre Generation dagegen von Sicherheits- und Wirtschaftskrisen geprägt sei „und jetzt sind wir ja wirklich in einer komplett wirren Zeit. Ich glaube, das zeigt sich auch in den Liebesbeziehungen, dass die Millennials weniger heiraten und weniger Kinder bekommen.“
Möglich jedenfalls, dass der Roman für Menschen unter oder über Mitte 40 unterschiedliche Aha-Erlebnisse bereit hält. „Toxibaby“ von Dana von Suffrin ist eine zeitgeistige, bei allem Drama sehr komische Liebesgeschichte, zeitlose Erkenntnisse inklusive. Denn, so sagt von Suffrin, „es gibt Leute, die auch in ihrem Unglück sehr glücklich sind. Und das muss man respektieren“.
🎧 Buchgefühl – Lesung und Gespräch. Im Literatur-Podcast des BR ziehen Judith Heitkamp, Niels Beintker und Marie Schoess jede Woche ins Buch. Ab dem 27. März mit einer Folge zu Dana von Suffrins Roman „Toxibaby“.

